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Diskurs 22

Das Berlin-Kolleg feiert Jubiläum  Vorstellung des KollegsSeine Geschichte Seine Kollegiaten Seine Leitung Geschichten Wissenswertes Interessantes undein leckeres Rezept Inhalt

BK-KOSMOS
40 Jahre Berlin-Kolleg
Vortrag des Staatssekretärs Dr. Hans-Martin Hinz
Eine kurze, unvollständige Geschichte des Berlin-Kollegs von Jörg Heidrich 
Wie ich das Berlin-Kolleg leiten möchte von Rainer von Paris 
Von Paris ans BK
"BAföG" hatte einen Anfang von Georg Galle-Wilson
"Jeder Mensch ein Künstler" Über die künstlerischen Fächer am Berlin-Kolleg von Pamela Washington
NEIN, DAS MUSS NICHT SEIN !
Leitung - hatten wir nicht, brauchten wir nicht? von der Redaktion
WAS IST PASSIERT? Nicky Flöß, ehemalige Vorsitzende des Gemeinsamen Ausschusses
Über Grenzen von Christopher Rogerson

GESCHICHTEN
DIE EINZIGE von Anette Ramisch
Ein Weihnachtsgedanke von Andrea M. Krüger
Nicht alleine? von Andrea M. Krüger 
Anderes Ich von Anette Ramisch
Nur ein Tag von Andrea M. Krüger
BAUMHAUS von Annette Ramisch

REZEPT
Pizza von Ralph Ostermann

RÄTSEL
Gewusst wo? von Ralph Ostermann

IMPRESSUM
Impressum

40 Jahre Berlin-Kolleg

Vortrag des Staatssekretärs
Dr. Hans-Martin Hinz

Es war am 13. April des Jahres 1970, als sich die neuen Kollegiatinnen und Kollegiaten des Semesters 70 S zu einer Einführungsversammlung in der Aula des Berlin-Kollegs trafen. Ich betrat das Haus in der Badenschen Straße mit großen Erwartungen, denn es war der bewusst vollzogene Beginn eines neuen Lebensabschnittes für mich und viele andere, die sich vorgenommen hatten, in zweieinhalb Jahren das Abitur "nachzuholen".

Anzug und Krawatte, die meine bis dahin siebenjährige Lehr- und Berufszeit zunächst als Reisebürokaufmann und dann als Landessekretär eines Jugendverbandes begleitet hatten, blieben zu Hause im Schrank. Stattdessen Jeans, Pullover und violette Socken, es ging darum, sich ein studentisches Image zuzulegen, dies als eine sichtbare Demonstration der Veränderung.

Warum war der Zweite Bildungsweg vor 30 Jahren für uns ein so erstrebenswertes Ziel? Sicherlich gibt es eine Vielzahl sehr individueller Antworten, aber zweifelsohne war unsere Generation von den damaligen Strömungen der Zeit erfasst, die unser Handeln beeinflussten. Das Lebensgefühl war in diesen Jahren von Beach Boys und Beatles geprägt, ebenso von der Ambivalenz, Kritik am politischen Geschehen, wie dem als ungerecht empfundenen Vietnam-Krieg zu üben, genauer an der westlichen Großmacht, die zugleich den Berlin-Status aufrecht hielt. Europas Jugend probte den gewaltfreien Protest, so wie ihn die Bürgerrechtsbewegungen Amerikas längst praktizierten. "We shall overcome one day" war in aller Munde. Nicht nur die politische Großwetterlage beschäftigte uns, sondern auch die Normen der eigenen Gesellschaft. Sogenanntes antibürgerliches und Antikonsumverhalten wirkten sich auch darin aus, dass wir unsere Haare länger wachsen ließen und "make love not war"-Buttons trugen. Beeindruckt waren wir von Willy Brandts Ostpolitik, die verhieß, Bewegung in die Deutsche Frage zu bringen. Ebenso war es die Zeit, in der die Elterngeneration nach der Verantwortung, auch nach der persönlichen Verantwortung bezüglich ihrer Rolle im Nationalsozialismus befragt wurde. Aber dies war nicht alles.

Die hauptsächlich durch den Sputnikschock ausgelösten Diskussionen - vor allem zuerst in Amerika -, ob denn das bisherige westliche Bildungssystem noch ausreichend war, die Gesellschaft voranzubringen, trug ganz wesentlich zu Diskussionen von Reformansätzen im Bildungssystem bei. Seit Mitte der 1960er Jahre waren auch in Deutschland Wissenschaftler, Bildungspolitiker und die Jugend von diesem Diskussionsprozess erfasst. Der Stellenwert der Breitenbildung und der Bildungschancen erhielt in diesen Jahren eine ganz neue gesellschaftliche Bedeutung. Wir wollten mehr von der Welt, von den Hintergründen und den Zusammenhängen wissen. Dies schien es wert, Vertrautes und berufliche Sicherheit aufzugeben. Letzteres war vor 30 Jahren wegen der anderen Arbeitsmarktlage allerdings viel unproblematischer als heute. So hatten wir unsere Berufe nicht aufgegeben, um später durch einen höherwertigen Abschluss eine berufliche Karriere machen zu können, sondern, weil der Drang nach persönlicher Bildung und Fortbildung so ausgeprägt war.<

Zu den zeitbedingten kamen persönliche Gründe. Ich selbst hatte gerade einen einjährigen Abendlehrgang zum Erwerb der Mittleren Reife absolviert und dabei erfahren, dass nicht nur Zeugnisse für die eigene Entwicklung von Bedeutung sind, sondern der Weg dorthin sehr herausfordernd und kreativ sein konnte. Zum anderen hatte ich das Glück, einen Berlin-Kollegiaten aus der Gründergeneration gekannt zu haben, der mir von dieser "Reformschule" berichtete. Dieter Korte, wir haben uns später aus den Augen verloren.

Als wir, die etwa 70 Neuen, Mitte April 1970 unsere Stundenpläne zusammenstellten, einte uns die Motivation, mit viel Schwung auf das neue Ziel zuzugehen. Gleichzeitig wurden wir mit den Fraktionsbildungen unter den Studenten der Berliner Universitäten im Westen der Stadt konfrontiert, weil die Kollegiaten - als mögliche künftige Studenten -sich nicht aus den damals aktuellen politischen Diskussionen heraushalten wollten. Schnell stellten sich trennende Zuordnungen ein: Rote Zellen, ADSEN, Bürgerliche, Unpolitische.

Die politischen Entwicklungen in Indochina, die Forderungen und Aktivitäten der Studenten in Amerika und in Europa, die Reaktionen der Politik und der Polizei, all dies stand im Mittelpunkt der politischen Diskussionen im Berlin-Kolleg. Auf Sit-ins und Diskussionsveranstaltungen ging es konkret um Themen wie "Gewalt gegen Personen oder Sachen" bis hin zu chiliastischen Erwartungen einer nahenden "Weltrevolution". Die weltpolitische Entwicklung schien die Dominostein-Theorie zu bestätigen: Immer mehr Staaten auf der Welt nannten sich damals sozialistisch. Das Berlin-Kolleg gab uns Freiräume, darüber inhaltlich zu streiten und Positionen zu beziehen. Im nachhinein bestand kein Zweifel: dieses Erlernen politischen Verhaltens war eine ungeheuer wichtige Entwicklungsphase in unserem Leben. Der Streit um die globalen politischen Themen dieser Zeit hinderte uns jedoch nicht daran, im Unterricht freundschaftlich und über alle Fraktionsgrenzen hinweg die zu behandelnden Inhalte zu erarbeiten, weil das Interesse an den Lernstoffen und an den anderen Mitlernenden ausgesprochen intensiv ausgeprägt war. Ich selbst habe übrigens schon nach kurzer Zeit die Kollegiatin Hella Agthe aus Kiel sehr schätzen gelernt. Bevor die Hälfte der Zeit am Kolleg verbracht war, waren wir eines der Kollegiaten-Ehepaare, die aus dieser Schule hervorgegangen sind.

Unsere Lehrer und Lehrerinnen waren so unterschiedlich und individuell wie in vielen Kollegien, eines war ihnen aber gemein. Wir spürten es: Ihnen machte die Arbeit mit uns Freude. Sie halfen beim Lernen, verstanden sich als anregende Vermittler und motivierten uns, die Unterrichtsinhalte anzugehen. Leistungen über Motivationsanreize zu erzielen, dies war die zweite wichtige Lebenserfahrung, die uns das Berlin-Kolleg vermittelte. Diese positiven Erfahrungen suchte ich in meinem späteren Berufsleben anderen gegenüber weiter zu geben.

In diesem Zusammenhang möchte ich gern einige Namen unserer Lehrerinnen und Lehrer Revue passieren lassen, wahrscheinlich sind nur die wenigsten heute am Kolleg noch bekannt: Bei Dr. Lindgens lernten wir, dass Gallien in drei Teile geteilt war, und für viele von uns war diese Erkenntnis der Startschuss zum Latinum. In seiner Philosophie-Arbeitsgemeinschaft erfuhren wir etwas über das philosophische Denken von Kierkegaard und Nietzsche, und ich weiß noch genau, wie kompliziert wir die Texte empfanden und wie stolz wir gewesen sind, sie am Ende doch einigermaßen verstanden zu haben.

Herr van Melis, eine rheinländische Frohnatur, war ein Genie in der Literaturvermittlung. Er gestaltete den Unterricht so spannend, aber auch unterhaltsam, dass die Unterrichtszeit nicht immer ausreichte und die Gespräche von Zeit zu Zeit abends in der Kneipe fortgesetzt wurden.

Uli Trautmann brachte ungemein viel Verständnis und Nerven bei der Vermittlung der neuen Mathematik auf. Zum einen hatte die Mengenlehre Hochkonjunktur, zum anderen ist mir heute nicht mehr klar, wie wir je Aufgaben wie diese lösen konnten: "Eine Parabel 4. Grades mit waagerechter Tangente im Koordinatenursprung hat im Punkt -1 eine Wendetangente mit der Steigung 2. Bestimme die Funktionsgleichung und den Verlauf der Parabel." Biologie und Spanisch vermittelte uns Frau Dr. Holroyd in mütterlicher Fürsorge. Herr Waldmann unterrichtete uns in Physik und nebenbei traf man sich hin und wieder zum gemeinsamen Joggen. Meine Facharbeit in Physik hatte die Methoden der Messung der Lichtgeschwindigkeit zum Thema.

Die Amerikanerin Sally Katz, ein sympathischer aufgekratzter Liza-Minelli-Typ, half uns schon durch ihre persönliche Art, sehr schnell über Alltagsthemen in die englische Sprache zu kommen.

Dr. Trzeciok, ein Urgestein aus der Gründergeneration des Kollegs, machte uns mit Gruppendynamik und Psychologie vertraut.

Herr Sachs, unser Direktor, den ich nur als Kettenraucher erlebt habe, kämpfte in unermüdlichem Arbeitseinsatz, das Experiment Berlin-Kolleg gegenüber der Kritik von außen zu sichern. Die Vorwürfe, ob an den Berliner Universitäten überhaupt noch richtig gelernt würde, wurden auch auf das Berlin-Kolleg übertragen. Bis zu unserem Abitur im Herbst 1972 blieb jedoch alles so, wie es sich die Gründer einst ausgedacht hatten. Erst später kam es auch hier zur Anpassung an die inzwischen eingeführte reformierte Oberstufe in der Berliner Schule.

Als wir nach zweieinhalb Jahren die Abiturprüfungen abgelegt hatten, waren wir dankbar für diese kreative Zeit, die uns das Berlin-Kolleg geboten hatte. Nicht nur die Hochschulreife war erreicht, sondern - wie wir meinten - eine viel weiterreichende Reife erlangt, die uns die nächsten Schritte im Leben sehr bewusst angingen ließen. Obwohl am Beginn der Schulzeit am Berlin-Kolleg das Studium für viele durchaus nicht als der vorgezeichnete Weg galt, nahmen doch die meisten von uns ein Studium auf. Die, die in Berlin blieben, sahen sich von Zeit zu Zeit - eher per Zufall - wieder. Zu großen Wiedersehensfeten ist es meines Wissens nach nicht gekommen. Was insgesamt aus dem Jahrgang 70 S geworden ist, weiß ich im Detail nicht. Einige sind Lehrer geworden, andere Ärzte, einer wurde Pfarrer, manche arbeiteten an Universitäten im Wissenschaftsbetrieb oder gingen in die Privatwirtschaft.

Ich habe im Verlauf der letzten dreißig Jahre immer wieder Menschen in verantwortungsvollen Positionen getroffen, die ihre schulische Laufbahn über den Zweiten Bildungsweg abgeschlossen hatten. Für mich sind solche Zusammentreffen immer auch Ausdruck dafür, wie wichtig dieses Bildungsangebot war und ist.

Was mich selbst betrifft, so ist mein weiterer beruflicher Werdegang genauso wenig gradlinig verlaufen, wie er es bis zu meiner Berlin-Kolleg-Zeit war. Nach dem Studium der Geschichte, Geographie, Pädagogik und Philosophie sowie der Promotion an der Freien Universität Berlin ließ ich mich zum Studienrat ausbilden. Leider scheiterte mein eigentlicher Wunsch, an der Schule arbeiten zu dürfen. Dies allerdings nicht an der mangelnden Qualifikation, Herr Dr. Lindgens, den ich als Vertrauenslehrer für die Zweite Staatsprüfung gewählt hatte, kann dies bestätigen - sondern an dem ersten Einstellungsstopp für bestimmte Fächer an der Berliner Schule Mitte der 80er Jahre.

Ich ergriff daher eine Chance, die mich auf einen völlig anderen, vorher nicht geplanten Weg für zunächst sechs Jahre brachte: Als Referent des Kultursenators war ich für die Gründung des Deutschen Historischen Museums in Berlin zuständig und habe dabei ungemein viel über politische Entscheidungsprozesse und die sie beeinflussenden Faktoren gelernt. Danach arbeitete ich neun Jahre lang in der Leitung des Deutschen Historischen Museums und half beim Aufbau dieser großen Kulturinstitution. Ausstellungen und wissenschaftliche Symposien vorzubereiten und durchzuführen, die Gremienarbeit der Trägerorganisation und die Außenvertretung des Hauses zu leiten sowie viele innerbetrieblichen Aufbauarbeiten zu bewältigen, machten sehr viel Freude und viel Arbeit. Seit dem Frühjahr des Jahres 2000 helfe ich dem jetzigen Kultursenator als Staatssekretär bei der Arbeit, die Probleme der Berliner Kultureinrichtungen in Zeiten erheblicher Haushaltsprobleme zu verringern. Meinen mehrmaligen Berufswechsel sehe ich durchaus als Vorteil an, gab er mir doch die Möglichkeit des Einblicks in sehr unterschiedliche Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens. Dafür bin ich sehr dankbar.

Dreißig Jahre nach meiner Berlin-Kolleg-Zeit möchte ich an dieser Stelle all denen danken, die seinerzeit am Kolleg in der Direktion und als Lehrkräfte tätig waren. Den heute Aktiven möchte ich aus den Erfahrungen der damaligen Zeit sagen, Sie leisten eine wichtige Arbeit. Auch wenn es die jeweils studierenden Kollegiatinnen und Kollegiaten ihren Lehrkräften gegenüber nicht so zum Ausdruck bringen oder brachten, das Berlin-Kolleg ist für viele Menschen, die es in den Jahrzehnten seit seiner Gründung besucht haben, eine ausgesprochen wichtige Station in der Entwicklung jedes einzelnen gewesen. Bieten Sie den heutigen und den kommenden Kollegiatinnen und Kollegiaten wenn auch unter veränderten Rahmenbedingungen die gleichen Chancen, wie sie uns vor dreißig Jahren geboten wurden.

Vielen Dank

gehalten am 24. November 2000, 10 Uhr im Berlin-Kolleg (Aula Lützowstr. 106, 10785 Berlin)

 


Eine kurze, unvollständige Geschichte des Berlin-Kollegs

von Jörg Heidrich

1960

Gründung des Berlin-Kollegs als staatliche Einrichtung, an der Erwachsene das Abitur machen, sein Auftrag wird mit einem eigenen Paragraphen (§ 49) des Berliner Schulgesetzes geregelt. Sitz der Schule: als Untermieter in Räumen der Fachhochschule für Politik, später in Räumen der Fachhochschule für Wirtschaft in der Badenschen Straße, Berlin-Schöneberg. Erster Kollegleiter: OStD Boese. Nach den ersten kleineren Jahrgängen arbeiten rund 350 Kollegiaten und 30 Lehrer in Tages- und Abendlehrgängen.

 

1967/68

Kritik von Studenten an den verkrusteten Strukturen der Bundesrepublik

 

1968

Nach einem "Streik" der Kollegiaten und einer Demonstration auf der Straße wurde eine "Reformkommission" von Kollegiaten und einigen Lehrern am Berlin-Kolleg gegründet, z.B. der "Ausschuss für Didaktik" mit der Frage: Wie unterrichtet man Erwachsene? Forderungen nach einer Kolleg-Ordnung, einer erweiterten Mitbestimmung für Kollegiaten wurden erhoben, die Reform wurde umgesetzt und praktiziert, sie fand bundesweit Beachtung.

 

1969

Wahl eines Kollegleiters durch BK-Lehrer und unter Beteiligung der Kollegiaten (dieses Wählen war revolutionär neu!), Hugo Sachs wurde aber erst 1971 formell zum Leiter des Kollegs ernannt, er hatte maßgeblich die Reform in Gang gebracht. Orginalzitat Hugo Sachs: "Was nun kam, war die Hölle. Ich sage gleich dazu eine Hölle, die höllisch Spaß gemacht hat. Hohe Beamte in der Senatsverwaltung nannten mich einen linken Rowdy, während Kollegiatenvertreter in ihrer Zeitung die Befürchtung aussprachen, das Kolleg möge unter meiner Leitung eine CDU-Hochburg werden."

 

1981

Ende der Kolleg-Reform, das BK wurde gegen den Willen seiner Gremien wie alle Kollegs von der Kultusministerkonferenz an den Ersten Bildungsweg (Oberstufenreform) angepasst, die Wahlmöglichkeiten der Kollegiaten für verschiedene Fächer wurden erweitert, die Fächerinhalte eingeschränkt (Rahmenpläne wie am Gymnasium), manche Strukturen der BK-Reform blieben auf der Strecke, trotzdem haben die Kollegiaten in den paritätisch besetzten Gremien mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten als Gymnasiasten im Ersten Bildungsweg.

 

1989

Kollegleiter Hugo Sachs geht in Pension. Wahl von Helga Sauerbrey zur neuen Kollegleiterin aus dem Kreis des Kollegiums

 

1989

Die Mauer in Berlin fällt, das Treptow-Kolleg wird Partnerschule des BK.

 

1992

Lehrer des Berlin-Kollegs unterrichten an Ost-Berliner Kollegs und umgekehrt.

 

1994

Erstes Erscheinen des "Diskurs - Zeitschrift für das Berlin-Kolleg", verfasst von Kollegiaten und Lehrern (es gab zuvor immer wieder für ein paar Jahre Kollegiaten-Blätter für das BK).

 

1995

Umzug des Kollegs in neue, größere Räume in der Lützowstraße im Bezirk Tiergarten

 

Ab 1996

Regelmäßige Studienfahrten von Berlin-Kolleg-Gruppen nach Israel

 

1997

Fifty-Fifty-Vereinbarung von Bezirk Tiergarten und Berlin-Kolleg zur Energieeinsparung

 

2000

Helga Sauerbrey geht in Pension. <st1:PersonName w:st="on">Rainer von Paris</st1:PersonName> wird neuer Kollegleiter. Rund 600 Kollegiaten und 70 Lehrer arbeiten am Kolleg

 

Ab 2001

Anmeldeboom, insgesamt mit Vorkursen 900 Hörerinnen und Hörer

 

Dezember 2004

Das Berlin-Kolleg zieht in ein denkmalgeschütztes Gebäude im Bezirk Mitte. Das neue Gebäude wurde für die Bedürfnisse des Kollegs umgebaut und renoviert.

Damit hat das Berlin-Kolleg endlich ein eigenes Schulgebäude.


Wie ich das Berlin-Kolleg leiten möchte

von Rainer von Paris

 

Erfahrungen

Ich bin 1951 in Kassel geboren, Einzelkind und anders als mein Name vermuten lässt, in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. 1958 bis 1962 besuchte ich die Grundschule und wechselte dann zum Gymnasium. In Hessen endet die Grundschule schon mit der 4. Klasse. 1970 bestand ich die Abiturprüfung und begann mit dem Studium, Mathematik mit dem Nebenfach Physik in Göttingen. Nach dem Vordiplom wechselte ich 1973 zur Freien Universität Berlin und machte dort 1975 mein Diplom in Mathematik.

Zu dem Zeitpunkt war mir schon klar, dass ich Lehrer werden wollte. Das wurde ich dann auch, erst 1976 Stundenlehrer an einer Privatschule, dann 1977 Referendar mit den Fächern Mathematik und Physik und nach dem Referendariat war ich seit November 1978 an der Sophie-Scholl-Oberschule.

1978 war noch ein gutes Jahr für Lehrer, man konnte sich die Schule aussuchen. Ich habe deshalb bewusst die Sophie-Scholl-Oberschule als Gesamtschule ausgewählt. Ausschlaggebend waren zwei Gründe. Ich hatte und habe den Wunsch, sozial Schwächeren zu helfen und ein bisschen mehr Chancengleichheit zu verwirklichen. Das hat wohl mit meiner Herkunft, meinem Lebensweg zu tun. Natürlich geht das auch am Gymnasium, aber ich war und bin davon überzeugt, dass die Gesamtschule diesem Anspruch besonders gerecht wird.

Dazu kam, die Sophie-Scholl-Oberschule war 1978 gerade als Gesamtschule gestartet und der Gedanke, am Aufbau einer neuen Schule mitzuwirken, reizte mich.

Ich habe dann am Aufbau des Fachbereichs Mathematik mitgewirkt und entdeckt, dass zur Grundausstattung einer Gesamtschule auch Computer gehören. Die habe ich seit 1982 im Unterricht eingesetzt, einen EDV-Raum ausgestattet und Grundkurse Informatik eingerichtet. 1983 wurde ich Fachbereichsleiter für Mathematik und Informatik und arbeitete seitdem mit beim Erstellen des Stundenplans.

Ich war dann beteiligt an der Idee, behinderte und nicht behinderte Schüler an der Sophie-Scholl-Oberschule gemeinsam zu unterrichten, heute fast eine Selbstverständlichkeit, damals betraten wir absolutes Neuland. Außerdem hatte ich viel mit der Informatik zu tun, sie wurde mehrfach neu ausgestattet und zur neuen Ausstattung kamen neue Räume hinzu. 1990 wurde ich Stellvertretender Schulleiter, erst lange Zeit beauftragt, kommissarisch, dann seit 1996 vom Kollegium benannt und nach einer Bewährungszeit 1997 ernannt. Es hat mit 7 Jahren schon sehr lange gedauert, aber insgesamt ist diese Verfahrensdauer für Berlin wohl nicht ungewöhnlich.

In meiner Zeit als Stellvertreter konnte ich die Raumsituation und in vielen Fällen die Ausstattung verbessern. Der Schulhof wurde umgebaut und begrünt und das Gebäude verschönt. Zudem ist die Sophie-Scholl-Oberschule Europaschule geworden und dadurch wahrscheinlich auch langfristig gesichert.

Im Sommer 1999 wurde der bisherige Schulleiter pensioniert, seitdem leitete ich die Schule, ich denke mit der Zustimmung und der Zufriedenheit der meisten Kolleginnen und Kollegen. Zumindest schließe ich das aus dem Zuspruch und den vielen Aufforderungen, mich doch noch als Schulleiter für die Sophie-Scholl-Oberschule zur Verfügung zu stellen.

Warum ich zum Berlin-Kolleg wollte

Als vor zwei Jahren die Schulleiterstelle für die Sophie-Scholl-Oberschule ausgeschrieben wurde, habe ich lange überlegt, ob ich mich bewerben sollte. Es gab zwei Hauptgründe, die mich bewogen haben, es nicht zu tun. Zum Einen glaube ich, dass meiner Schule, jeder Schule, von Zeit zu Zeit frischer Wind gut tut. Ich mache seit 1983 Stundenplan, habe seitdem Leitungsfunktionen und kenne die Schule und das Kollegium in- und auswendig. Aber vielleicht macht die große Erfahrung auch betriebsblind und ein neuer Schulleiter sieht manches anders, stellt andere Fragen und kommt zu besseren Antworten, als es meine eingefahrenen sind.

Dazu kommt als persönlicher Grund mein Wunsch noch einmal etwas Anderes, etwas Neues zu machen. Ich will nicht aussteigen, Lehrer bin und bleibe ich mit Leib und Seele, aber will noch einmal eine neue berufliche Herausforderung wagen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich halte es nicht für ein Wagnis, zum Berlin-Kolleg zu gehen.

Zu einer anderen Gesamtschule wollte ich nicht, ich würde nur mit der Sophie-Scholl-Oberschule vergleichen und nachahmen. Ein Wechsel zum Gymnasium wäre denkbar, aber bei den meisten Gymnasien vermisse ich die soziale Kompetenz, den Willen nicht nur zu fordern, sondern auch zu fördern.

Im Berlin-Kolleg erhoffe ich mir eine Arbeit, orientiert am Gedanken der Förderung von Benachteiligten und der Herstellung von etwas mehr Chancengerechtigkeit. Durch den Zwiespalt, einerseits bestimmte Leistungen, Qualifikationen verlangen zu müssen, andererseits aber auch den Kollegiaten und ihrem Lebensweg gerecht werden zu wollen, halte ich die Aufgabe am Kolleg für anspruchsvoller, aber auch reizvoller als im gegliederten Schulsystem.

Und in dieser besonderen Verantwortung sehe ich Gemeinsamkeiten zwischen der Gesamtschule und dem Kolleg.

Ich habe bisher keine Erfahrung mit dem 2. Bildungsweg, weder als Schüler noch als Lehrer. Aber ich bin lernwillig und -fähig und hoffe mit meiner Neugier im Laufe der Zeit meinen Mangel an Erfahrung wettzumachen. Erfahrung habe ich allerdings in der Leitung einer großen Schule. An der Sophie-Scholl-Oberschule unterrichten 120 Lehrer etwa 1100 Schüler, davon 300 in der Sekundarstufe II.

Welche konkreten Aufgaben hat der Schulleiter?

Ich muss zuallererst dafür sorgen, dass die nötigen Voraussetzungen für den Unterricht gegeben sind. Lehrer, Räume, Sachmittel und Schüler müssen vorhanden sein und obwohl damit auch viele andere Personen und Institutionen befasst sind, ist die Schulleitung die wichtigste Schaltstelle, ist für alles verantwortlich oder wird jedenfalls verantwortlich gemacht.

Und auch für eine noch so gute Schulleitung werden die Probleme der Lehrerversorgung angesichts unserer Altersstruktur, der Haushaltslage und der geringen Bedeutung von Bildung in der Politik immer größer werden. Ich hoffe, die Zustände werden nicht ganz chaotisch. Dabei ist eine gute Zusammenarbeit mit der Schulaufsicht wichtig, die biete ich ausdrücklich an. Dazu gehört aber auch Offenheit. Ich erwarte, dass die uns zustehenden Lehrerstunden rechtzeitig bereitgestellt werden und die Kolleginnen und Kollegen in ihrer täglichen Arbeit nicht nur von der Schulleitung, sondern auch von der Schulaufsicht angemessen gewürdigt und unterstützt werden.

Bei der Frage der Räume, Stichwort Schulgebäude, der Sachmittel (Beispiel: Wo bekomme ich eine neue Computerausstattung her?) ist der Schulträger, also der Bezirk gefordert. Hier habe ich Erfahrungen, den Hof habe ich erwähnt, das Schulgebäude der Sophie-Scholl-Oberschule wird zurzeit saniert und ich hoffe, die dabei gewonnen Erfahrungen auch für das Kolleg einsetzen zu können.

Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, müssen die Abläufe organisiert werden, also Unterrichtsverteilung, Stundenpläne, Prüfungspläne usw. Damit ist eine Schulleitung eigentlich schon gut beschäftigt und wenn sie erreicht, dass eine Schule in diesem technischen Sinn funktioniert, ist das schon viel.

Schule ist aber noch mehr. Sie ist für uns Kollegen Arbeitsplatz, ist für Kollegen und Kollegiaten ein Lebensmittelpunkt, ein Stätte, an der nicht nur Wissen sondern Bildung, Kultur, Einstellungen, Haltungen vermittelt werden.

Das Aufrechterhalten eines freundlichen, positiven Schulklimas ist eine der wichtigsten Aufgaben des Schulleiters und hat viel mit der Frage zu tun:

Wie leite ich denn eine Schule?

Grundsätzlich sehe ich zwei Modelle. Eine Schule ist eine Behörde und wird wie eine Behörde hierarchisch geführt mit Leiter, Stellvertreter, usw. Das kann funktionieren und der Vorteil solcher Strukturen sind genau festgelegte Verantwortlichkeiten. Der Gegenpol ist die kollegiale Schulleitung, die nur nach Absprache und im Konsens entscheidet.

Ich bin ein Verfechter der kollegialen Schulleitung. Ich biete Ihnen kollegiale Zusammenarbeit an, erwarte sie allerdings auch von allen Mitgliedern des Kollegiums.

Ich habe oft erlebt, wie in Gesprächen Lösungsvorschläge entwickelt wurden, die die Interessen, Vorgaben vieler Beteiligter viel besser berücksichtigten als Einzelne das könnten. Schule ist nicht Selbstzweck, das gilt auch für das Kolleg. Wir sind dafür da, dass die uns anvertrauten Schüler bzw. Kollegiaten etwas lernen und nach Möglichkeit die Abiturprüfung bestehen. Verantwortung dafür tragen wir alle, zuallererst allerdings der Schulleiter. Diese Verantwortung nehme ich ernst und versuche ihr gerecht zu werden.

 

 

Von Paris ans BK

 

Wie ihr alle wisst, haben wir seit dem 08.11.2000 einen neuen Direktor, Herrn Rainer von Paris, bei uns am Kolleg. Einige von uns Kollegiaten haben schon die Bekanntschaft mit ihm gemacht bei seiner kurzen Antrittsrede in der Aula.

Aufgrund dessen haben wir vom Diskurs uns entschlossen, ihn nochmals zu treffen um herauszufinden, wer "unser Neuer" ist und mit welchen Vorstellungen er seinen Dienst am BK antritt. Leider war es aus technischen Gründen nicht möglich den direkten Wortlaut wiederzugeben. Das heißt, die Antworten unseres Gesprächspartners sind nachformuliert.

Herr von Paris, mit welchem Gefühl sind Sie heute, an Ihrem ersten Montag am BK, hierher gekommen?

Herr von Paris: Ich bin heute mit freudiger Erwartung hierher gekommen. Ich wurde ja schon in den letzten drei Tagen der vorigen Woche von allen sehr positiv empfangen, leider momentan mehr vom Kollegium als von den Kollegiaten, da der Kontakt Direktor - Kollegiat schon aus unterrichts- und planungstechischen Gründen noch nicht möglich ist. Allerdings werde ich zunächst im Vorkurs-Bereich tätig sein und versuchen die ein oder andere Vertretungsstunde in allen Stufen zu übernehmen.
Obwohl mein organisatorischer Überblick noch nicht komplett ist, sinkt meine Wehmut gegenüber dem Weggang von der Sophie-Scholl-Schule und die Freude gegenüber meiner neuen Aufgabe steigt.

Ihre Arbeit am BK orientiert sich am Gedanken der Förderung von Benachteiligten und der Herstellung von etwas mehr Chancengleichheit.

Ich habe großen Respekt vor der Entscheidung der Kollegiaten, als Erwachsene und nach einer Zeit im Beruf oder Berufsausbildung noch einmal auf eine Schule, unser Kolleg, zu wechseln. Für viele bedeutet dieser Schritt einen Einschnitt und ist mit Risiken verbunden. Das Kolleg bietet dafür neue Lebens- und Bildungschancen und ich wünsche allen Kollegiaten, dass sie diese Chance nutzen und die Abiturprüfung bestehen. Dazu ist das Kolleg da und ich will daran mitarbeiten, dass möglichst viele Kollegiaten einen möglichst qualifizierten Abschluss bekommen.
Das Kolleg ist ein anerkannter und akzeptierter Bestandteil unserer Bildungslandschaft, aber es ist für einen Teil unserer Kollegiaten auch mehr. Noch immer gibt es Jugendliche, denen in ihrer Schulzeit die Möglichkeit einer besseren Bildung und Ausbildung genommen wird.
Die Gründe dafür sind vielschichtig, können in der Person des Schülers selbst, dem Umfeld oder der Gesellschaft liegen. Dieser Personenkreis braucht oft besondere Unterstützung und diesen Kollegiaten neue Wege zu öffnen bedeutet, für etwas mehr Chancengerechtigkeit zu sorgen.

Es ist vielen Schülern nicht möglich nur vom BAföG zu leben - was halten Sie davon, dass Kollegiaten neben der Schule noch arbeiten?

Es wäre wünschenswert, wenn sich eine Kollegiatin, ein Kollegiat voll auf die Ausbildung im Kolleg konzentrieren könnte.
Lernen am Kolleg ist zeitaufwendig. Es bedeutet ja nicht nur anwesend zu sein während des Unterrichts. Hausaufgaben müssen gefertigt werden und der Stoff muss vor- und nachbearbeitet werden. Außerdem braucht der Mensch, also auch der Kollegiat, etwas Freizeit.
Nur wenige Kollegiaten können allein mit ihren maximal 900 DM vom BAföG-Amt auskommen. Nach Abzug von Miete und anderen Fixkosten bleibt ja vom Förderbetrag nicht mehr viel zum Leben übrig. Ich habe deshalb Verständnis dafür, dass viele am Kolleg neben der Ausbildung noch in einem Nebenjob arbeiten.

Herr von Paris, als letztes eine privatere Frage. Ihrer Biographie nach sind Sie ein Einzelkind - ist unser neuer Direktor ein Familienmensch?

Nun, ich bin seit 1975 glücklich verheiratet, habe zwei Kinder und bin mit meiner Situation rundum zufrieden.

Vielen Dank für das kurze aber offene Gespräch und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit am Kolleg.
Für den Diskurs sprachen Kolja und Renè mit Herrn von Paris.

 


"BAföG" hatte einen Anfang

von Georg Galle-Wilson

Die in den sechziger Jahren unter dem Schlagwort "Bildungsnotstand" gegründeten Institute des Zweiten Bildungswegs ermöglichten interessierten Berufstätigen durch die nachträgliche Erlangung der Allgemeinen Hochschulreife eine akademische, berufsbezogene Weiterbildung. Jedoch gab es bis Ende der sechziger Jahre in der Regel keine finanzielle Ausbildungsförderung. Man mußte nebenbei arbeiten, vom Ersparten leben oder die Eltern um Unterstützung bitten. Dies zu ändern war eines der Ziele der damaligen studentischen Reformbewegung, zu der sich die Kollegiaten überwiegend bekannten, wenn auch häufig untereinander zerstritten über die Vorgehensweise. Sehr beliebt waren die modernen "go in" und "sit in" zum damaligen Sitz der Schulbehörde in der Bredtschneiderstraße in Charlottenburg. Schließlich begann im Sommersemester 1970 eine elternunabhängige Förderung für die Kollegiaten; sie betrug ungefähr 270 DM im Monat und wurde bis zum Schulende gezahlt. Wer anschließend ein Studium an einer Universität aufnahm, fiel wieder in die vorherige Situation zurück: Eine Stipendiumgewährung war wieder abhängig von dem Einkommen der Eltern; bei Nichtgewährung könne man ja gegen die Eltern klagen, hieß es; na ja, reichlich unkomisch. Also ging es erneut um das Geldheranschaffen. Das soll heute auch noch so sein ... ...

Seit 1971 gibt es die Unterstützung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz.

 


"Jeder Mensch ein Künstler"

Über die künstlerischen Fächer am Berlin-Kolleg
von Pamela Washington

Die Fächervielfalt an unserem Kolleg macht es nicht nur möglich sich in naturwissenschaftlich - mathematische, gesellschaftswissenschaftliche oder philologische Höhen aufzuschwingen - auch die künstlerische Seele kann ihre Flügel weit ausspannen! Die Kunst gehört nicht den Künstlern allein - sie ist frei wie die Luft, die wir atmen, und für uns alle da.

Es bereitet Freude sich auszudrücken und viele Kollegiaten, die sich mit einem ihrer Leistungsfächer für ein künstlerisches Fach entschieden haben, berichten von dem seelischen Ausgleich, den dieses bietet. Auch stellt dies eine Gelegenheit dar das vielleicht schon einmal früher begonnene Musizieren, Malen, Schauspielern oder Fotografieren, etc. wieder aufzunehmen.

Natürlich ist künstlerisches Schaffen auch harte Arbeit - wie schon Karl Valentin sagte: "Kunst ist schön - macht aber viel Arbeit."

Bis zum Abitur wird man sich beispielsweise im Fach Musik auch mit der Harmonielehre auseinandersetzen müssen und im Fach Kunst nicht nur an der Staffelei stehen, sondern auch seine Kenntnisse über Kunstgeschichte, Druck, Architektur und die Bildhauerei erweitern. Im Fach "Darstellendes Spiel" wird man nicht nur einiges über sich selbst und die Anderen lernen, sondern auch über Atemtechnik, Bewegung und Choreografie. Es gibt auch zahlreiche zusätzliche Möglichkeiten sich zu erproben, die da wären: Die Foto AG, Theater AG, Schulband, der Chor, Kreatives Schreiben, die Film AG und - ab nächstem Semester vielleicht - die Video AG und ein Kammermusikensemble.

An dieser Stelle möchte ich - auch im Namen vieler anderer Kollegiaten - Herrn Gunter Sanders, einem Lehrer an unserer Schule, der sich auf besondere Art und Weise verdient macht um die "künstlerisches Entwicklung" der Kollegiaten, meinen Dank aussprechen. Monatlich, teilweise auch mehrmals im Monat stellt Gunter Sanders in Eigenarbeit eine hervorragende Auswahl von Theater-, Konzert- und Opernveranstaltungen zusammen. Diese sind humorvoll kommentiert und legen auch Wert darauf, den blutigen Anfänger aufzuklären, worum es sich bei dem jeweiligen Ereignis handelt, damit er sich nicht gleich versehentlich in eine fünfstündige Wagner-Oper verläuft. Trotz unseres kleinen BAföG-Budgets sitzen wir - dank Gunter Sanders - in den ersten Rängen der Berliner Häuser! Übrigens unterrichtet Herr Sanders Mathematik. Er liebt die Kunst, das Reisen und Sprachen und es ist immer ein Genuß ihn "Bravo, bravo" rufen zu hören, wie neulich beim "Sibelius-Konzert" in der Philharmonie - oder ausflippen zu sehen ("Albern, albern") wie beim Karl-Heinz-Stockhausen-Konzert, welches am 1.Oktober 2000, dirigiert von Kent Nagano, stattfand. Karten können auch bei Frau Schulz im Sekretariat bestellt werden. Das Heft der Vereinigung "Theater der Schulen" liegt in den Bezirksämtern Berlins aus. Auch hier können günstige Karten bestellt werden. Auch lieben Dank an Frau Schulz!

Unsere Musiklehrer Bertold Schramm und Reinhard Hoyer organisierten die Teilnahme unserer Schule an internen Proben des DSO mit Lorin Maazel ("Der Ring in 90 Minuten") und wir konnten uns, nebst Freikarten, in der Kantine unter die Philharmoniker mischen, die in der einen Hand Kaffee und Brötchen hielten und in der anderen die Geige. War auch mal spannend gewesen das Orchester in Jeans und Pulli proben zu sehen ...! Übrigens würde Bertold Schramm HdK-Willige auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten - aber "unter Aufgabe ihrer Freizeit" (ist ja klar, oder?).

Also Leute- schwingt Euch auf! Wann wird es dazu nochmals solche Gelegenheiten geben?

Eure Pamela


Leitung - hatten wir nicht, brauchten wir nicht?

von der Redaktion

Strom kommt doch aus der Steckdose - wozu brauchen wir da Atomkraftwerke? Jetzt sind wir doch sooo gut ohne Leitung ausgekommen! Man hat gar nicht gemerkt, dass da was fehlt - oder? Endlich einmal nicht diese dauernden Dienstbesprechnungen, nicht jeden Morgen ins Mitteilungsbuch schauen müssen, ob nicht wieder eine Terminliste, ein wichtiges Rundschreiben, eine Ermahnung abzuzeichnen ist.

Da konnte man richtig aufatmen, in die Schule kommen, ohne das ständige Gefühl im Nacken zu haben beobachtet zu werden, kontrolliert, strichgelistet, nach oben weitergemeldet zu werden.

Und es hat doch alles funktioniert, oder? Immer pünktlich Listen abgegeben, alle Fehlzettel eingeordnet, alle Stühle hochgestellt, alle Fenster zugemacht. Dafür kann doch auch Karin Ullrich sorgen, das mit 50-50. Kopierer wurde auch immer prompt repariert. Und die Blumen wurden sowieso immer zuviel gegossen.

Und warum hat man nichts gemerkt? Und warum hat alles so gut funktioniert? Und warum sind alle Listen vollständig? Na? Kommt niemand von allein auf die Antwort? Muss man immer alles verraten? Waren da nicht noch Michael Spehr, Susanne Ilfrich, Monika Glander und Frau Schulz, die den ganzen Laden geschmissen haben? Hättet ihr aber auch von selbst drauf kommen können!

Verwaltung ist gut, wenn man sie nicht spürt. Da müssen ein paar Leute sitzen und sich einen Kopf machen, damit wir unseren frei haben. Danke!


WAS IST PASSIERT?

Nicky Flöß, ehemalige Vorsitzende des Gemeinsamen Ausschusses

Der Gemeinsame Ausschuss ist am 06.10.2000 zurückgetreten. D.h., die anwesenden Mitglieder (1 Kollegiat, 2 Lehrerinnen) sind zurückgetreten, weil der Ausschuss

  1. beschlussunfähig war (50% der 12 Mitglieder müssen für die Beschlussfähigkeit anwesend sein) und

  2. weil ohnehin lediglich 6 Kollegiat/inn/en und 3 Lehrerinnen - und nicht die erforderlichen 12 Kollegiat/inn/en und 10 Lehrer/inn/en plus Schulleitung in den Ausschuss gewählt worden waren.

Der GA ist das paritätisch (also zu gleichen Teilen aus der Kollegiatenschaft und der Lehrerschaft mit Schulleitung) besetzte Gremium, das als Ventil fungiert, das als Bindeglied zwischen den beiden Gruppen Konflikte anspricht und dadurch versucht vorzubeugen, das Verbesserungsvorschläge für die Schule erörtert und das die Kollegiatenvertretung, die Fachkonferenzen und die Gesamtkonferenz über ihre Arbeit informiert. Es soll sich auch mit Fragen des Zusammenlebens deutscher und ausländischer Kollegiat/inn/en und Lehrer/innen befassen.

Beschlüsse, die der Gesamtkonferenz zur Verabschiedung vorgelegt werden, müssen zuerst im GA diskutiert und formuliert werden: Der GA ist laut "Beschluss der Gesamtkonferenz vom 19.12.1990 zur Mitbestimmung am Berlin-Kolleg" in folgenden Angelegenheiten zu hören:

  • Teilung, Zusammenlegung und Auflösung des Kollegs

  • wichtige organisatorische Entscheidungen und Änderungen im Schulbetrieb (z.B. Einrichtung von Leistungskursschienen, Anzahl der einzurichtenden Kurse),

  • Angebot freiwilliger Unterrichtsveranstaltungen.

In den letzten zwei Jahren hat der GA Anträge an die Gesamtkonferenz weitergeleitet, die das Fächerangebot und die Ausstattung unserer Schule verbessert haben. Es waren Anträge zur

  • Einrichtung von Leistungskursen in Geschichte/Philosophie/Musik

  • Ausgabe der "50-50" Gelder, insbesondere für die Anschaffung von

  • Schließfächern für die Kollegiatenschaft

  • und einer Solaranlage

  • Finanzierung eines Schulfestes im Sommer 2000.

Auf eine der "Todesanzeigen" des GAs, die nach dem Ableben des GAs im Schulgebäude aushing, hat jemand gekritzelt: "Naiv zu glauben, daß jemand am Freitag Nachmittag zu einer Versammlung geht." Da stellt sich die Frage, ob Mitbestimmung, ob das Bedürfnis nach Mitbestimmung sich am Wochenende einstellt? Das scheint doch nicht der Falll zu sein, da ein Kollegiat, der den GA reaktivieren möchte, die Initiative ergriffen hat, den GA mit einer Nachwahl wiederzubeleben. Er hat dieses Anliegen mit Aushängen angekündigt, die lauten: "DER GA LEBT!" Ich hoffe es. 

Über Grenzen

von Christopher Rogerson

Diese Abitur-Rede wurde im Juli 2000 an der Martin-Buber-Schule in Spandau gehalten. C. Rogerson ist Engländer und dort Englisch-Fachbereichsleiter. Die Redaktion dankt Nicky Flöß, dass sie uns diesen nachdenklich stimmenden Text zugänglich gemacht hat, der das deutsche Bildungswesen einmal mit anderen Augen gesehen darstellt.

Liebe Abiturienten, liebe Eltern, liebe Kollegen. 

Als Herr Kampmann mich im Februar bat, die diesjährige Abiturrede zu halten, hatte ich bei der Themenwahl Glück, da ich zu jener Zeit dabei war, meinen Leistungskurs Englisch-Schülern in das Amerika der 60er Jahre zurückzuführen, d.h. in die Epoche John F. Kennedys, der vor 40 Jahren zum jüngsten Präsidenten der USA gewählt wurde. 1960 war für die Menschen in den USA eine Zeitenwende. Kennedy griff sie auf, um eine Abkehr von den selbstgefälligen, bequemen Haltungen während des Konsumrausches der 50er Jahre einzuläuten. 1960 bei seiner Annahme der Kandidatur für die Demokraten in Los Angeles prägte er, wie so oft in seinen brillanten Reden, einen Begriff, der zum Motto seiner Präsidentschaft wurde: New Frontier (neue Grenze). Damit wusste Kennedy den Nerv der Amerikaner zu treffen, denn, historisch gesehen, war diese Nation der Pioniere immer wieder an Grenzen natürlicher Art gestoßen, die es auf ihrem stetigen Weg nach Westen zu überwinden galt, bis die neuen Siedler nach über 200 Jahren schließlich über Land an die Westküste gelangten. Kennedy konnte also zurückgreifen auf ein historisches Verständnis von "frontier", das nicht als Begrenzung, Beschränkung, Einengung zu verstehen war, sondern als Herausforderung, Öffnung, Möglichkeit.

Sechs Monate später vertiefte er diese programmatischen Vorstellungen bei seiner Antrittsrede in Washington. Es ging wieder um Grenzüberschreitungen. Grenzen sollten überschritten werden im wissenschaftlich-technologischen Bereich (die Schlüsselwörter hier: "space race" und "man on the moon" - das Wettrennen im All, um den ersten Menschen auf den Mond zu setzen. Grenzen sollten überschritten werden in den internationalen Beziehungen mitten im Kalten Krieg (hier seine Losung: Verhandeln ja, aber aus einer Position der Stärke; gleichzeitig aber Einrichtung des Peace Corps, das Tausende junger Leute zum freiwilligen Dienst in der Dritten Welt motivierte). Grenzen sollten überschritten werden auch in den Beziehungen zwischen den Rassen (seine Zielsetzung hier: Gleiche Rechte für Schwarz und Weiß). Die größte Herausforderung, die auch seine Amtszeit prägte, stellte er aber an seine Mitbürger ("Ask not what your country can do for you, ask what you can do for your country.") Alles Forderungen, die die Amerikaner damals bewegten, sie in Bewegung setzten.

"Warum aber jetzt dieser Rückblick in die Geschichte?" werdet ihr vielleicht fragen. Wir sind ja schließlich 40 Jahre weiter im Jahre 2000 und Deutschland ist nicht Amerika. Aber einen Merksatz aus dem Geschichtsunterricht habt ihr hoffentlich im Lauf eurer Schullaufbahn beherzigt: "Wir können aus der Geschichte lernen." Wir können zum Beispiel lernen, wie andere Kulturen, andere Länder zu anderen Zeiten auf Herausforderungen reagiert haben und Schlussfolgerungen für unser Land heute ziehen.

Nun steht Deutschland am Anfang des neuen Jahrhunderts ohne Zweifel vor großen Herausforderungen, die in aller Munde und in jeder PW-Stunde sind - ob Strukturwandel in der Wirtschaft, marode Staatsfinanzen, ein Gesundheits- und Rentensystem, das nicht mehr zu finanzieren ist und, und, und... Aufgaben, die durch das Wegschauen, das Aussitzen in den letzten Jahren größer geworden sind und jetzt schier unüberwindlich wirken. Und wie stellt sich unsere politische Klasse an dieser Grenze zum neuen Jahrtausend? Wir müssen leider feststellen, dass sie nicht von dem Pioniergeist eines Kennedy getragen ist, beflügelt zu neuen Ufern strebend, die Wähler motivierend mit ihnen neue Wege zu gehen. Hierzulande, vielleicht aber wieder aus geschichtlichen Gründen, hat das Wort "Grenze" eine ganz andere Bedeutung an sich, etwas Ausschließendes (im Sinne von "Sie verlassen jetzt den amerikanischen Sektor" oder "Geh doch nach drüben!"). Grenzen sind folglich nicht zum Überwinden da, um Neues zu erschließen, sondern eher zum Ausschließen von Neuem. Heutzutage ist zwar vielfach die Rede von "Reform". Dieser Begriff wird aber meist so zerredet, dass aus Angst vor der eigenen Courage die vermeintlichen Kosten des notwendigen Wandels so lange breit getreten werden, bis die Vorteile für das Land wie auch für das Individuum außer Sicht geraten. Vom Aufbruch ins neue Millennium, das wir alle Anfang des Jahres gefeiert haben, bleibt schließlich nur die Nebelwolke des 1. Januar, die Nebelwolke eines muffigen Konservatismus.

Ich kann mich hier unmöglich auf alle Politikbereiche einlassen. Ich möchte mich dafür auf einige Felder konzentrieren, wo es um solche "neuen Grenzen" im übertragenen, aber auch im konkreten Sinne geht. Ein wichtiges Thema dieses Jahres - und ein Thema, von dem einige von euch einiges verstehen - ist der Mangel an Fachkräften in der Informationstechnologie. Woher dieses Defizit in Deutschland kommt, ist inzwischen klar. Internationale Tests belegen schon seit Jahren, dass es anderen Ländern besser gelingt, Schüler (auch ohne herausragende Begabung) in Mathematik, Informationstechnologie und in den Naturwissenschaften zu höheren Leistungen zu motivieren. Trotzdem lassen sich deutsche Schulpolitiker viel Zeit mit der Änderung der Rahmenpläne und des Unterrichts in diesen Fächern. Erst werden Modellversuche und umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen gestartet, bis die methodischen und didaktischen Konsequenzen gezogen werden. Hätte Deutschland nicht Zeit gewinnen können, wenn es einen Blick über die Grenze geworfen hätte und die erfolgreichen ausländischen Vorbilder einfach abgekupfert hätte? Aber das entspricht leider nicht deutscher Mentalität - "Achtung, Sie verlassen jetzt ...!" Und jetzt potenzieren sich diese Versäumnisse in einer nicht ausreichenden Nachfrage der Abiturienten nach Studienplätzen in den naturwissenschaftlichen Fächern. Und dann wenn die Nachfrage steigt, wie jetzt in Informatik, wird irrsinnigerweise der Numerus Clausus verhängt. Am Ende dieser Skala "begrenzten" Denkens steht der vorhin beschriebene Mangel an Informatikern und Ingenieuren in der Wirtschaft.

Aber auch die Diskussion über die erforderlichen Maßnahmen zur Behebung dieses Mangels zeugt schließlich von der Angst vor der Welt hinter der Grenze. "Green Cards" wurden als Lösung ins Visier genommen - nicht jedoch die original-amerikanische Fassung mit unbegrenzter Aufenthaltsgenehmigung, sondern die bürokratisch-deutsche Variante mit begrenzter Aufenthaltsgenehmigung, Gehaltsnachweis, Arbeitsverbot für mitreisende Ehegatten - warum nicht auch gleich Deutschprüfung und Aids-Test dazu? fragt man sich! Doch damit nicht genug: Es entwickelte sich eine Polemik gegen die Zuwanderung von hochqualifizierten Fachleuten, die schließlich in die unsägliche Parole "Kinder statt Inder" ausartete.

Dabei haben die Propagandisten die Kräfteverhältnisse verkannt: Nicht die Inder können froh sein, wenn sie nach Deutschland hineingelassen werden. Im Gegenteil, die Deutschen können froh sein, wenn die Inder kommen - in ein Land mit einer veralteten Software-Branche, mit schlechten Aufstiegschancen, mit no go areas für Ausländer! Es ist offensichtlich nicht erkannt worden, dass, wer aus wahltaktischen Gründen Hass gegen Ausländer schürt, den Wettbewerb um die besten Köpfe verloren hat. Er bezahlt es hierzulande mit einem niedrigen Wirtschaftswachstum. Er hat außerdem nicht erkannt, in welcher Weise das Land von einer Zuwanderung von Menschen aus anderen Teilen der Welt profitiert. (Er bräuchte nur die bunte Vielfalt eines Abiturjahrganges an der Martin-Buber-Schule sich anzuschauen, um sich ein Bild von der gegenseitigen Bereicherung von Menschen verschiedener Kulturen zu machen.) Irrsinnigerweise sind gerade diejenigen, die so reden, gleichzeitig die lautstärksten Verfechter der Globalisierung der Wirtschaft. Wer aber im Sinne der Globalisierung der Wirtschaft für eine Öffnung und Überwindung der Grenzen für das Kapital eintritt und dabei die Menschen draußen vor der Tür stehen lässt, ist nicht nur rücksichtslos, sondern auch dumm, denn er schadet sich und seinem Lande selber.

Meine Rede hier soll aber weniger von der Globalisierung des Kapitals als von der Globalisierung der Arbeit sein, denn ihr, die ihr hier sitzt, seid diejenigen, die mittelfristig ihre Arbeitskraft auf dem globalen Markt anbieten werden und die auch einer globalen Konkurrenz werden standhalten müssen. Ich bin ja auch viel zu sehr Fremdsprachenlehrer, als dass ich euch hier aus der Schule entlasse, ohne euch noch einige Weisheiten aus dieser Perspektive zukommen zu lassen. Es ist das Bestreben eines jeden Fremdsprachenlehrers, nicht nur Strukturen und Vokabeln zu drillen, sondern Augen, Herz und Verstand zu öffnen für die Welt hinter der Grenze - für andere Kulturen, andere Sichtweisen, andere Lebensweisen. Mich verbinden mit vielen von euch nicht nur meine Tätigkeiten als Klassenlehrer in der Mittelstufe und als Leistungskurslehrer in der Oberstufe, sondern auch ausgesprochen gelungene Reisen mit ca. 30 von euch zu unseren Partnerschulen in England und in den USA, wo wir gelernt haben, dass es diese Länder "in echt" gibt, hinter den Vorurteilen und den Hollywood-Bildern. Auch im Unterricht habe ich versucht, euch diesen Blick über die Grenze zu ermöglichen - ob beim Thema "Berlin aus der Perspektive britischer und amerikanischer Schriftsteller" oder "Die multikulturelle Gesellschaft Kaliforniens". Das ist mir auch nicht besonders schwer gefallen, denn, für diejenigen im Saal, die mich nicht kennen, ich bin natürlich auch selber ein Migrant, ein Einwanderer, der Kindheit und Jugend in England verbracht hat und erst als junger Erwachsener, kaum älter als ihr, die Grenze in eine neue, schließlich eine zweite Heimat überschritten hat. Und während ich seit langem nicht mehr der ständige Grenzgänger bin, sondern hier eindeutig Wurzeln geschlagen habe, ist meine Sichtweise naturgemäß immer noch geprägt von einem Erleben der Welt hinter der Grenze. Und das ist, meine ich, auch gut so. Denn genau wie ich von dieser andersartigen Kultur hierzulande profitiere, haben, hoffe ich, Generationen von Schülern, geschweige denn Familie, Freunde und Kollegen von meiner Andersartigkeit profitiert.

Jetzt ist es soweit, dass ihr alle - und ich meine hier ausdrücklich nicht nur die Fremdsprachler - euch auf die Reise macht in eine neue Welt, die mehr sein kann als die Pauschalreise nach Mallorca - rundum sorglos, versteht sich! Eine Reise, die euch den Menschen und ihrem Erleben, ihren Sichtweisen und ihrer Kultur näher bringt. Überwindet das begrenzte Denken mancher Politiker. Sucht Ausbildungsgänge, ob an den Hochschulen oder in der Wirtschaft, die euch Praktika oder Studienaufenthalte im Ausland ermöglichen. Entwickelt eure Sprachkompetenz fort. Lernt weitere Sprachen dazu. Seht die Überwindung von Grenzen als eine Herausforderung für euch selber an. Der Blick über den eigenen Tellerrand in fremde Kulturen ist gleichzeitig für euch selber ein Sprung über den eigenen Schatten, denn er wird euch verändern und erlaubt euch die Entwicklung von Eigenschaften, die in der engeren Heimat eventuell nicht zur Geltung kommen würden. Macht euch also im Sinne des Mottos der diesjährigen EXPO fit für die Welt, fit für die Zukunft - One World, One Future.


DIE EINZIGE

von Anette Ramisch

Ich liebe Dich! Warum glaubst Du mir nicht?
Du hast was Besseres verdient!
Quatsch, Du bist die Beste für mich. Wie kommst Du nur darauf?
Sie könnte jünger, schöner und ausgeglichener sein.
Du bist jung, du bist schön und ich finde Dich in Deiner Art ganz toll.
Ich glaube Dir. Es wäre ungerecht zu behaupten, daß ich Deine Liebe nicht spürte.
Mein Leben lang habe ich Dich gewollt. Nun ist es gut.
Trotzdem, Du verdienst was Besseres.
Na gut, wenn Du meinst, dann mußt aber Du mir die Andere suchen.

Anzeige: Suche für meinen Freund, den ich über alles liebe, eben darum, die richtige Frau. Er ist liebevoll und leidenschaftlich. Du solltest in Deiner Persönlichkeit sehr interessant sein.
Stichwort: Total

Was machst Du da?
Ich schreibe eine Anzeige.
Was annoncierst Du?
Ich suche eine Frau für Dich.
Warum denn nur?
Ich liebe Dich so sehr, dass ich Dir nur das Beste wünsche. Ich kenne mich und meine Schwächen und wo das hinführen kann. Das möchte ich nicht.
Kann ich bitte entscheiden, wen ich liebe. Was ist wirklich los mit Dir?
Ok, ich gestehe, daß ich eine totale Angst habe Dich zu verlieren. Nicht weil ich denke, Du würdest gehen, was natürlich auch passieren kann, sondern es könnte Dir auch etwas zustoßen. Ich kann es nicht ertragen Dich zu verlieren, deshalb will ich das aktiv steuern- auch wenn es mir das Herz zerreißt.
Ich kann Dir nicht versprechen, dass ich Dich nicht eines Tage verlasse, doch ich bitte Dich: Bleib' bei mir!
Ich bleibe.- Bin ich die EINZIGE auf der Welt, die sich solche Themen stellt?
Nein ich glaube nicht. Alle Welt hat Angst von dem Verlassenwerden.
Meinst Du wirklich? Jedoch eines steht fest, ich liebe Dich.


Ein Weihnachtsgedanke

von Andrea M. Krüger

Draußen ist es kalt, der Wind weht durch der Menschen Gesichter und hinterlässt Eisblumen an den beschlagenen Fenstern. Der Winter hat begonnen und bald ist es Weihnachten. In allen Schaufenstern blitzt und funkelt es. Leuchtende Kinderaugen stehen vor den Weihnachtsbuden und bestaunen den Weihnachtszauber, den man kaufen kann. Fast allen Menschen geht es gut, doch sind sie schlecht gelaunt, denn in ihrem Weihnachtsrausch haben sie den eigentlichen Gedanken des Weihnachtsfestes vergessen. Es sind nicht die leuchtenden Bäume in den Häusern, nicht die Lichter der Straßen, die dieses Fest zum Fest machen, doch das scheint vergessen.

Es ist der Gedanke an alle Menschen dieser Welt. Es ist die Besinnung auf das, was wir haben, auf das, was wir teilen können, denn den meisten Menschen geht es doch sehr gut. Doch manche Menschen haben an Weihnachten nicht einmal eine warme Mahlzeit und gerade diese Menschen haben an Weihnachten unsere Aufmerksamkeit verdient. Ist es doch die Zeit, in der die Herzen leuchten sollen, die Zeit in der man seine Menschlichkeit auch Fremden mit einem herzlichen Lächeln zeigen kann.

Sollten wir unseren Kindern diese Werte nicht vermitteln und statt sie mit endlosen Geschenken zu überhäufen, wenn sie meist eh schon alles oder vieles haben?

Wir sollten uns besinnen, teilen und mit den Menschen feiern, die uns nahe sind, und mit Menschen teilen, die weniger haben als wir selbst.

Selbst wenn man es sich selbst nicht leisten kann zu teilen, so kann man wenigstens ein herzliches Lächeln schenken und seinen Mitmenschen zu dieser Jahreszeit ein offenes Herz und Ohr schenken.

Weihnachten ist nicht der Tag des Konsums, sondern der Tag der Nächstenliebe. Was sind schon all die Geschenke wert, wenn man sie niemandem geben kann, den man liebt?

Vergessen wir das nicht, sonst geht Weihnachten noch verloren. 


Nicht alleine?

von Andrea M. Krüger

Zusammengekauert sitzt sie in einer Ecke, das Licht aus, die Stille scheint sie zu verschlingen. Still weint sie in sich hinein. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Alles ist kaputt, sie ist kaputt. Gebrochen von einem Menschen, den sie nicht kannte. Alles tut ihr so weh. Sie sitzt nur da und weint. Kein Mensch würde sie verstehen, niemand könnte ihr helfen.

Ihre Träume - tot.

Ihre Lebenslust - tot.

Wieso nur gerade sie ? Wieso nur musste sie so leiden? Wieso gibt es so grausame "Menschen"?

Er hatte sie einfach gepackt und hinter sich hergezerrt. Er hatte sie einfach mitgeschleift. Es war ihm egal, wer sie war. Sie hatte keine Möglichkeit zu entkommen. Sie war wie versteinert. Selbst ihre Schreie waren nur noch ein jämmerliches, klägliches Fiepen, denn sogar ihre Stimmbänder waren versteinert.

Stück für Stück hatte er ihre Seele etwas mehr zerfetzt, ihren Willen gebrochen, sie zutiefst verletzt. Er hatte sie missbraucht. Sie konnte sich nicht wehren, sie ließ es einfach über sich ergehen. Sie konnte nicht einmal weinen.

Dann war er fort.

Sie lag einfach nur da, dann fing sie an zu weinen. Ein Schreien durchzog ihre Tränen. Sie verstand nichts. Sie war wie besinnungslos und suchte ihre Kleidung zusammen. Sie versuchte ihre Jacke zu schließen, doch sie zitterte zu sehr um dies zu schaffen. Sie weinte noch mehr. Weinte so sehr, dass sie alles verschwommen sah.

Sie wollte nur noch nach Hause. Niemand hatte sich um ihre Schreie gekümmert, niemand hatte ihren Tränen Aufmerksamkeit geschenkt. Sie lief an den Menschen vorbei, nur mit dem Ziel nach Hause zu kommen. All die Menschen, an denen sie vorbeilief, senkten beschämt den Kopf und gingen achtlos weiter.

Sie schloss die Tür hinter sich, ganz oft drehte sie den Schlüssel um, selbst als er am Anschlag war, wollte sie ihn noch weiter drehen, bis sie es aufgab. Sie lies das Licht aus, sie konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Sie sackte hinter der Tür zusammen und weinte. Sie schrie - innerlich. Schmerzen durchzogen ihren ganzen Körper.

Selbst als sie wieder zur Arbeit kam, es bemerkte niemand etwas. Niemand wollte etwas bemerken.

Ihr Gesicht war noch verletzt und einen Arm konnte sie nicht richtig bewegen. Doch wenn sie jemand fragte, was denn passiert sei, dann war sie nur die Treppe hinuntergefallen.

Jeder gab sich mit dieser Antwort zufrieden. Sie war ganz alleine - gelassen. Jeden Abend, wenn sie nach Hause kam, saß sie einfach nur da. Sie hatte keine Freunde mehr, sie saß einfach nur da und weinte. Die Schmerzen waren, auch nach Monaten, einfach zu groß. Manchmal kauerte sie auch in einer Ecke, das gab ihr Sicherheit. Dann fühlte sie sich nicht so ausgeliefert. Schlafen konnte sie nicht mehr richtig, nur weinen, das konnte sie. All ihr Schmerz, er zerfraß sie. Sie konnte einfach nicht mehr weitermachen. Erst nach Jahren des Leidens suchte sie Hilfe, doch diese kam zu spät. Sie nahm die Schlaftabletten, die der Arzt ihr verschrieben hatte. Sie schluckte sie, während sie weinend in einer Ecke kauerte.

Sie kam nicht mehr zur Arbeit, und als einmal jemand fragte, da hat man ihm gesagt, dass sie sich umgebracht hatte. Dann verstummte er und zuckte die Schultern.

Aber das hat sie doch gar nicht!


Anderes Ich

von Anette Ramisch

Hallo Mädchen, was spielst du da?
Ich spiele nicht, ich grabe ein Loch, bis ans andere Ende der Welt.
Wirst du es denn schaffen?
Siehst Du denn nicht, ich bin doch nicht allein. Alle Kinder helfen mit.
Warum macht ihr das?
Wieso nicht?
Ihr könntet doch Sandkuchen backen.
Haben wir schon.
Warum bist du so ernst?
Das kann ich dir genau sagen! Erstens habe ich hier total viel zu tun, um dieses Loch mit auszuheben. Zweitens weiß ich, das wir es nicht schaffen, denn durch die Sandschicht sind wir schon. Nun kommt die feste Erde. Was ich sehe, ist einen großen Krater, halt ein Loch, keinen Sandkasten mehr.
Ich verstehe dein Problem nicht ganz. hör auf und laß es sein.
Nein, wenn ich aufhöre, dann muß ich das Loch wieder füllen.
Na und.
Es ist so viel Arbeit, es ist nicht zu schaffen.
Warum spielst Du nicht?
Weiß nicht.
Komm in meinen Arm, laß dich wiegen. Ich erzähle dir die Geschichte von der kleinen Anette, die ein Loch bis ans Ende der Welt graben wollte.
Wie soll das gehen?
Hör einfach zu. Also, die kleine Anette spielte an einem Sommertag mit der Kindern aus der Nachbarschaft in ihrem Sandkasten. Sie buken Sandkuchen, und streuten Puderzucker drauf. Nach dem sie ein Weile so gespielt hatten, begann einer der Kinder, oder waren es alle gleichzeitig - egal - sie gegangen in der Mitte des Buddelkastens ein Loch zu graben. Allen war klar: Wir graben, so tief wir kommen. Haben die Kinder da geschuftet. Es wurde bald Abend. Die Kinder mußten gehen, und gingen dann auch nach Haus, beseelt von der tollen Arbeit. Zurück blieb die kleine Anette mit dem riesigen Loch in der Mitte von ihrem Sandkasten.
Du erzählst meine Geschichte.
Natürlich, denn ich bin ja auch Du.
War ich wirklich allein vor der großen Aufgabe. Wer hat sie mir gestellt.
Das weiß ich genau so viel und so wenig wie du. Nehmen wir mal an, du könntest dir das Ende der Geschichte ausdenken, wie würdest Du sie weitererzählen?
Wie ich sie gerne hätte, daß sie ausgeht, oder wie ich es vermute.
Du wirst das richtige Ende finden.
Die Kinder gehen, die kleine Anette schaut in die ausgehobene Kuhle. Sie geht hinein, legt sich und spürt die Kühle der Erde. Es ist ein warmer Sommerabend, die Luft ist lau. Sie schaut in den Himmel, ich weiß nicht wie lang, plötzlich hört sie die Mutter rufen (die zweite die sie bald verlieren soll).
Weinst Du?
Nein nur ein bißchen in mich rein. - Die Mutter ruft, schnell setzt sie sich aufrecht hin. Die Locken sind voller Sand, ihre Augen funkeln wie Flitter und sie ruft: "Hier bin ich, komm schnell her, ich sitze hier in der Grube, meine Locken sind voller Sand." Die Mutter lacht: "Was hast Du gemacht, wer hat dich auf diese Idee gebracht?" "Mutter, es ging von selbst, es kam aus mir raus und es ist toll."
Du willst geliebt sein wie du bist.
Ja, du weißt es genauso gut wie ich. 


Nur ein Tag

von Andrea M. Krüger

Einen Schritt nach dem anderen, läuft sie dahin.
"Och, ich hab keine Lust mehr zu laufen." 
Platsch, schon liegt sie. 
"Ich wird' erst einmal ein bisschen schlafen, der Tag ist schließlich noch lang." 

Einige Zeit später... "Gähn." 
Erst mal strecken, alles so gemütlich, ein bisschen schmatzen. 
"Oh ich hab Hunger. - Na mal schauen, was es heut so gibt." 

Traps, traps, traps - schon steht sie da. 
"Mmmh - ist ja gar nichts da. Ach sie schläft ja auch noch, na dann werd' ich sie mal wecken!" 
Kratz schlabber, schmatz. 
"He, wach endlich auf, ich hab Hunger!"
Gähn, räkel, streck. 
"Ha, geschafft, sie ist wach. Na, dann werd' ich ihr mal verklickern, was ich will."

Kreisch, jammer - "Komm doch endlich mit. Ich hab Hunger. Du sollst mir was zu essen geben." 
Stapf, stampf - Schritt für Schritt nähert sie sich dem Futter. 
"Ja, genau, und nun gib mir endlich was zu essen!" 
Schlawenzel, schleich -
"Ich bin doch auch ganz lieb und artig." 
Schmatz, schmatz. 
"Endlich. Das hat ja gedauert. - Jetzt hab ich Durst. Aber ich mag nicht aus meinem Becher trinken, so hab ich das nicht gelernt. Ich mag vom Wasserhahn trinken. Muss ich ihr wohl wieder klarmachen." 
Schritt für Schritt ins Bad. 
"Sie duscht grad. Wart' ich eben hier im Waschbecken, dann macht sie mir auch immer gleich den Wasserhahn auf." 
Sie wartet und wartet, doch ihr Warten hat Erfolg. Schlabber, schlabber.
"So, jetzt geht's mir gut. Das war so anstrengend, jetzt geh ich erst mal schlafen." 
Sie rollt sich ein und schläft.
Doch plötzlich ein Geräusch. 
"Huch - das war die Tür. Schnell hin, sie geht."
Sie blickt nach oben, mit einem Abschied in ihrem Blick.
"Streichel mich, bevor du gehst!" 
Kraul, streichel. Doch sie muss los.
"Sie kommt ja wieder - hab ich wenigstens sturmfrei." 

Sie schleicht ungeduldig und gelangweilt umher. 
"Mal sehen was passiert, wenn ich das runterschmeiss." Stups, schubs. Schon liegt es unten. 

"Hm, bewegt sich trotzdem nicht, ist aber gut gefallen. Na ja, dann schlaf ich eben noch ein bisschen." 
Sie rollt sich ein, schläft ein und träumt von allen möglichen Dingen. Da, wieder das Geräusch. 
"Hä - wer, wie, was???" 
Sie betritt den Raum. 
"Oh, sie ist wieder da, endlich hat sie Zeit für mich. He, ich muss Dir ganz viel erzählen, was ich geträumt hab und so. Ich war auch ganz artig, Ich hab auf alles aufgepasst." 
Sie blinzelt und zwinkert, schlawänzelt um die Beine, ist ganz lieb und spielt mit ihr. Wieder mal was kaputt. Egal, ich hab dich lieb. Sie schaut ganz lieb. Der Tag geht zu Ende. Mit sehnsüchtigen Blicken sitzt sie am Fenster. Was ihr wohl durch den Kopf geht? 

Ein Weihnachtsgedanke

von Andrea M. Krüger

Draußen ist es kalt, der Wind weht durch der Menschen Gesichter und hinterlässt Eisblumen an den beschlagenen Fenstern. Der Winter hat begonnen und bald ist es Weihnachten. In allen Schaufenstern blitzt und funkelt es. Leuchtende Kinderaugen stehen vor den Weihnachtsbuden und bestaunen den Weihnachtszauber, den man kaufen kann. Fast allen Menschen geht es gut, doch sind sie schlecht gelaunt, denn in ihrem Weihnachtsrausch haben sie den eigentlichen Gedanken des Weihnachtsfestes vergessen. Es sind nicht die leuchtenden Bäume in den Häusern, nicht die Lichter der Straßen, die dieses Fest zum Fest machen, doch das scheint vergessen.

Es ist der Gedanke an alle Menschen dieser Welt. Es ist die Besinnung auf das, was wir haben, auf das, was wir teilen können, denn den meisten Menschen geht es doch sehr gut. Doch manche Menschen haben an Weihnachten nicht einmal eine warme Mahlzeit und gerade diese Menschen haben an Weihnachten unsere Aufmerksamkeit verdient. Ist es doch die Zeit, in der die Herzen leuchten sollen, die Zeit in der man seine Menschlichkeit auch Fremden mit einem herzlichen Lächeln zeigen kann.

Sollten wir unseren Kindern diese Werte nicht vermitteln und statt sie mit endlosen Geschenken zu überhäufen, wenn sie meist eh schon alles oder vieles haben?

Wir sollten uns besinnen, teilen und mit den Menschen feiern, die uns nahe sind, und mit Menschen teilen, die weniger haben als wir selbst.

Selbst wenn man es sich selbst nicht leisten kann zu teilen, so kann man wenigstens ein herzliches Lächeln schenken und seinen Mitmenschen zu dieser Jahreszeit ein offenes Herz und Ohr schenken.

Weihnachten ist nicht der Tag des Konsums, sondern der Tag der Nächstenliebe. Was sind schon all die Geschenke wert, wenn man sie niemandem geben kann, den man liebt?

Vergessen wir das nicht, sonst geht Weihnachten noch verloren. 


Nicht alleine?

von Andrea M. Krüger

Zusammengekauert sitzt sie in einer Ecke, das Licht aus, die Stille scheint sie zu verschlingen. Still weint sie in sich hinein. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Alles ist kaputt, sie ist kaputt. Gebrochen von einem Menschen, den sie nicht kannte. Alles tut ihr so weh. Sie sitzt nur da und weint. Kein Mensch würde sie verstehen, niemand könnte ihr helfen.

Ihre Träume - tot.

Ihre Lebenslust - tot.

Wieso nur gerade sie ? Wieso nur musste sie so leiden? Wieso gibt es so grausame "Menschen"?

Er hatte sie einfach gepackt und hinter sich hergezerrt. Er hatte sie einfach mitgeschleift. Es war ihm egal, wer sie war. Sie hatte keine Möglichkeit zu entkommen. Sie war wie versteinert. Selbst ihre Schreie waren nur noch ein jämmerliches, klägliches Fiepen, denn sogar ihre Stimmbänder waren versteinert.

Stück für Stück hatte er ihre Seele etwas mehr zerfetzt, ihren Willen gebrochen, sie zutiefst verletzt. Er hatte sie missbraucht. Sie konnte sich nicht wehren, sie ließ es einfach über sich ergehen. Sie konnte nicht einmal weinen.

Dann war er fort.

Sie lag einfach nur da, dann fing sie an zu weinen. Ein Schreien durchzog ihre Tränen. Sie verstand nichts. Sie war wie besinnungslos und suchte ihre Kleidung zusammen. Sie versuchte ihre Jacke zu schließen, doch sie zitterte zu sehr um dies zu schaffen. Sie weinte noch mehr. Weinte so sehr, dass sie alles verschwommen sah.

Sie wollte nur noch nach Hause. Niemand hatte sich um ihre Schreie gekümmert, niemand hatte ihren Tränen Aufmerksamkeit geschenkt. Sie lief an den Menschen vorbei, nur mit dem Ziel nach Hause zu kommen. All die Menschen, an denen sie vorbeilief, senkten beschämt den Kopf und gingen achtlos weiter.

Sie schloss die Tür hinter sich, ganz oft drehte sie den Schlüssel um, selbst als er am Anschlag war, wollte sie ihn noch weiter drehen, bis sie es aufgab. Sie lies das Licht aus, sie konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Sie sackte hinter der Tür zusammen und weinte. Sie schrie - innerlich. Schmerzen durchzogen ihren ganzen Körper.

Selbst als sie wieder zur Arbeit kam, es bemerkte niemand etwas. Niemand wollte etwas bemerken.

Ihr Gesicht war noch verletzt und einen Arm konnte sie nicht richtig bewegen. Doch wenn sie jemand fragte, was denn passiert sei, dann war sie nur die Treppe hinuntergefallen.

Jeder gab sich mit dieser Antwort zufrieden. Sie war ganz alleine - gelassen. Jeden Abend, wenn sie nach Hause kam, saß sie einfach nur da. Sie hatte keine Freunde mehr, sie saß einfach nur da und weinte. Die Schmerzen waren, auch nach Monaten, einfach zu groß. Manchmal kauerte sie auch in einer Ecke, das gab ihr Sicherheit. Dann fühlte sie sich nicht so ausgeliefert. Schlafen konnte sie nicht mehr richtig, nur weinen, das konnte sie. All ihr Schmerz, er zerfraß sie. Sie konnte einfach nicht mehr weitermachen. Erst nach Jahren des Leidens suchte sie Hilfe, doch diese kam zu spät. Sie nahm die Schlaftabletten, die der Arzt ihr verschrieben hatte. Sie schluckte sie, während sie weinend in einer Ecke kauerte.

Sie kam nicht mehr zur Arbeit, und als einmal jemand fragte, da hat man ihm gesagt, dass sie sich umgebracht hatte. Dann verstummte er und zuckte die Schultern.

Aber das hat sie doch gar nicht!


Anderes Ich

von Anette Ramisch

Hallo Mädchen, was spielst du da?
Ich spiele nicht, ich grabe ein Loch, bis ans andere Ende der Welt.
Wirst du es denn schaffen?
Siehst Du denn nicht, ich bin doch nicht allein. Alle Kinder helfen mit.
Warum macht ihr das?
Wieso nicht?
Ihr könntet doch Sandkuchen backen.
Haben wir schon.
Warum bist du so ernst?
Das kann ich dir genau sagen! Erstens habe ich hier total viel zu tun, um dieses Loch mit auszuheben. Zweitens weiß ich, das wir es nicht schaffen, denn durch die Sandschicht sind wir schon. Nun kommt die feste Erde. Was ich sehe, ist einen großen Krater, halt ein Loch, keinen Sandkasten mehr.
Ich verstehe dein Problem nicht ganz. hör auf und laß es sein.
Nein, wenn ich aufhöre, dann muß ich das Loch wieder füllen.
Na und.
Es ist so viel Arbeit, es ist nicht zu schaffen.
Warum spielst Du nicht?
Weiß nicht.
Komm in meinen Arm, laß dich wiegen. Ich erzähle dir die Geschichte von der kleinen Anette, die ein Loch bis ans Ende der Welt graben wollte.
Wie soll das gehen?
Hör einfach zu. Also, die kleine Anette spielte an einem Sommertag mit der Kindern aus der Nachbarschaft in ihrem Sandkasten. Sie buken Sandkuchen, und streuten Puderzucker drauf. Nach dem sie ein Weile so gespielt hatten, begann einer der Kinder, oder waren es alle gleichzeitig - egal - sie gegangen in der Mitte des Buddelkastens ein Loch zu graben. Allen war klar: Wir graben, so tief wir kommen. Haben die Kinder da geschuftet. Es wurde bald Abend. Die Kinder mußten gehen, und gingen dann auch nach Haus, beseelt von der tollen Arbeit. Zurück blieb die kleine Anette mit dem riesigen Loch in der Mitte von ihrem Sandkasten.
Du erzählst meine Geschichte.
Natürlich, denn ich bin ja auch Du.
War ich wirklich allein vor der großen Aufgabe. Wer hat sie mir gestellt.
Das weiß ich genau so viel und so wenig wie du. Nehmen wir mal an, du könntest dir das Ende der Geschichte ausdenken, wie würdest Du sie weitererzählen?
Wie ich sie gerne hätte, daß sie ausgeht, oder wie ich es vermute.
Du wirst das richtige Ende finden.
Die Kinder gehen, die kleine Anette schaut in die ausgehobene Kuhle. Sie geht hinein, legt sich und spürt die Kühle der Erde. Es ist ein warmer Sommerabend, die Luft ist lau. Sie schaut in den Himmel, ich weiß nicht wie lang, plötzlich hört sie die Mutter rufen (die zweite die sie bald verlieren soll).
Weinst Du?
Nein nur ein bißchen in mich rein. - Die Mutter ruft, schnell setzt sie sich aufrecht hin. Die Locken sind voller Sand, ihre Augen funkeln wie Flitter und sie ruft: "Hier bin ich, komm schnell her, ich sitze hier in der Grube, meine Locken sind voller Sand." Die Mutter lacht: "Was hast Du gemacht, wer hat dich auf diese Idee gebracht?" "Mutter, es ging von selbst, es kam aus mir raus und es ist toll."
Du willst geliebt sein wie du bist.
Ja, du weißt es genauso gut wie ich. 


BAUMHAUS

von Annette Ramisch

Kennst Du noch den Weg zum alten Baumhaus?
Gib es zu, oft hast Du dort gesessen!
Von hier aus hast Du die Sterne beobachtet,
wie sie sich im Wasser des Flusses spiegelten.
Gedanken von Beginn, später von Abschied
sind Dir hier durch den Kopf gegangen.
Nun ist das Baumhaus fort, der Stamm gefällt.
Keiner braucht mehr den Ort, denn es ist ja Deiner.
Du bist weggegangen, weit weg, nicht allein
um nach dem Ende einen Anfang zu finden.
Die Begegnung suchst Du nicht vergebens.


Rezept

Pizza

von Ralph Ostermann

Pizza ist viel leichter selbst zu machen, als man denkt, gut geeignet, wenn man nicht genau weiß, wieviele Personen kommen, auch auf Vorrat zu backen, schmeckt auch kalt und aus der Hand und der Belag ist in unendlich vielen Variationen lecker.

Teig

Puristen schwören natürlich auf frische Hefe, aber dann muss man den Teig mindestens vier, am besten sechs Stunden vor dem Backen ansetzen. Für ein Blech etwa 350-400 g Mehl mit etwas Salz in eine Schüssel geben. Wer den Teig lieber amerikanisch dick mag, nimmt etwas mehr Mehl, wer die italienisch dünne Variante bevorzugt, ist mit weniger zufrieden. Man macht eine Vertiefung in die Mitte und bröckelt die frische Hefe hinein. Mit etwas (einer Tasse) warmem Wasser wird soviel Mehl mit der Hefe verrührt, bis ein flüssiger Vorteig entsteht. Gehen lassen, je nach Umgebungstemperatur 1-2 Stunden. Mit dem restlichen Mehl langsam verrühren (Holzlöffel) und - wenn das nicht mehr geht - mit der Hand verkneten. Beim Rühren darauf achten, dass der Teig geschlossen bleibt, d.h. man zieht das Mehl von außen über den flüssigen Teig. Je nach Konsistenz noch warmes Wasser hinzufügen, der Teig darf nicht kleben und muss geschmeidig sein. Wenn er schon fest genug ist, aus der Schüssel nehmen und mit Mehl auf dem Tisch kneten - nach vorne ausdrücken und dann von vorne und von den Seiten einschlagen. So entsteht ein glatte Oberfläche und es bleibt nur eine Naht. Wieder 2 Stunden zugedeckt in der Schüssel mit der Naht nach unten gehen lassen. Mehrmals kräftig mit der Faust herunterdrücken und nochmals gehen lassen.

Wem das alles zu lange dauert, der kann auch Schnellhefe aus dem Tütchen nehmen. Sie wird mit dem Salz im trocken Mehl verteilt, man spart sich den Vorteig. Wer es besonders eilig und keinen Spaß am meditativen Kneten hat, nimmt die Küchenmaschine mit den Knethaken. Auf ein intensives Kneten nach dem ersten Gehen lassen sollte man aber nicht verzichten. Die tatsächliche Arbeitszeit ist etwa 15-20 Minuten. Ausrollen (Mehl drunter, wenn ein Nudelholz fehlt, tut's auch eine gerade Flasche!) und auf das eingeölte Blech legen, Ränder etwas hochziehen, damit die Tomatensoße nicht auf das Blech fließt.

Belag

Wer ihn flüssig und dick mag, nimmt eine große Dose Tomaten - diese zerkleinern, ggf. grüne Stielansätze entfernen, sonst genügt auch eine kleine, die man mit etwas Tomatenmark anreichert. Vorher auch die Oberseite mit Olivenöl bestreichen. Zur Grundausstattung des Belages gehören noch Salami (200 g Cervelatwurst ist ideal) und Käse (ein halbes Pfund jungen Gouda reiben), natürlich sehr viel Knoblauch (mindestens 4-6 Zehen frisch klein schneiden) und Salz, Pfeffer, Oregano. Man kann gut die Beläge nach dem eigenen Geschmack oder dem der Gäste teilen. Hinten ist der Ofen meist wärmer, dann den dickeren Belag nach hinten, z.B. Thunfisch, besonders lecker mit Kapern. Ein Dose reicht für eine halbe Pizza. Für die erste Einladung nach Hause ist vielleicht der dünne Teig angezeigt, sparsamer, aber erlesener Belag (z.B. Sardellenfilets oder Anchovis, auch dünne Tomatenscheiben mit Mozarella sind eher dekorativ als sättigend). Mit mehr Öl und viel Käse bekommt man auch mehr Gäste satt.

Backen: ca. 20 min bei 200°C, mittlere bis obere Schiene

Dazu: Salat wegen der Vitamine und wegen der Romantik Chianti. 


Rätsel

Gewusst wo?

von Ralph Ostermann

Nicht weit vom Berlin-Kolleg entfernt wurde Anfang dieses Semesters ein Bauwerk eröffnet, das an historisch bedeutsamer Stelle eine alte Verbindung wieder herstellt. Allerdings nicht in der alten Funktion, denn diese ist hier inzwischen obsolet geworden. Hier war ein in Berlin einmaliger Kreuzungspunkt verschiedener Verkehrsmittel, aller vier damals wichtigen. Kurioserweise war es aber kein Verkehrsknotenpunkt, denn die Linien überschnitten sich nur, ohne dass es einen Bahnhof oder Umsteigemöglichkeiten zwischen ihnen gegeben hätte.

Das eine Verkehrsmittel ist heute in seiner alten Funktion in Berlin kaum noch von Bedeutung, auch wenn man ihm durch ein Verkehrsprojekt Deutsche Einheit neues Leben einzuprügeln versucht - muss man schon fast sagen. Seine - künstlich angelegten - Wege haben aber einen nicht zu unterschätzenden Erholungswert in der Großstadt.

Der Unterbau des zweiten Verkehrsmittels wurde in den letzten Jahren mit großem Aufwand repariert, damit man ihn nicht aus Versehen in den Bestand des nahen Museums einordnet.

Das dritte Verkehrsmittel hat seinen Platz parallel zum ersten und sorgt sowohl bei Benutzern als auch bei Gegnern für Verdruss.

Das vierte Verkehrsmittel führt hier nicht mehr entlang, nur noch Symbolwert hat eine Ruine, die den Teil eines großen, nach dem Krieg vollends gesprengten Bauwerkes darstellt. Seine Linienführung zeichnet gesuchtes Bauwerk nach. Sein heutiger Name, wie auch der der Ruine, erinnert an die Region, die es mit der Hauptstadt verband.

Um welches Bauwerk handelt es sich? Was macht diese Stelle gerade so interessant?

Anmerkung: Das Bauwerk wurde von einer namhaften deutschen Firma gesponsert.

Lösung des letzten Rätsels: Gesucht war Schildhorn, eine kleine Halbinsel, die in die Havel hineinragt. Eine Säule trägt Schild und Horn des slawischen Fürsten Jacza.


Impressum

Der Diskurs erscheint in unregelmäßiger Folge, jedoch mindestens einmal im Semester.
Auflage: 300
Redaktion: Andrea M. Krüger, Anja Thümichen, Karin Ullrich, Godehard Lindgens, Ralph Ostermann, Kolja Wegner

Allen, die uns mit ihren Artikeln erfreut und mit ihrer Hilfe unterstützt haben, sei hiermit herzlich gedankt.

Die Redaktion

Diskurs, Heft 22, November 2000


Diskurs 22

Das Berlin-Kolleg feiert Jubiläum  Vorstellung des KollegsSeine Geschichte Seine Kollegiaten Seine Leitung Geschichten Wissenswertes Interessantes undein leckeres Rezept Inhalt

BK-KOSMOS
40 Jahre Berlin-Kolleg
Vortrag des Staatssekretärs Dr. Hans-Martin Hinz
Eine kurze, unvollständige Geschichte des Berlin-Kollegs von Jörg Heidrich 
Wie ich das Berlin-Kolleg leiten möchte von Rainer von Paris 
Von Paris ans BK
"BAföG" hatte einen Anfang von Georg Galle-Wilson
"Jeder Mensch ein Künstler" Über die künstlerischen Fächer am Berlin-Kolleg von Pamela Washington
NEIN, DAS MUSS NICHT SEIN !
Leitung - hatten wir nicht, brauchten wir nicht? von der Redaktion
WAS IST PASSIERT? Nicky Flöß, ehemalige Vorsitzende des Gemeinsamen Ausschusses
Über Grenzen von Christopher Rogerson

GESCHICHTEN
DIE EINZIGE von Anette Ramisch
Ein Weihnachtsgedanke von Andrea M. Krüger
Nicht alleine? von Andrea M. Krüger 
Anderes Ich von Anette Ramisch
Nur ein Tag von Andrea M. Krüger
BAUMHAUS von Annette Ramisch

REZEPT
Pizza von Ralph Ostermann

RÄTSEL
Gewusst wo? von Ralph Ostermann

IMPRESSUM
Impressum

40 Jahre Berlin-Kolleg

Vortrag des Staatssekretärs
Dr. Hans-Martin Hinz

Es war am 13. April des Jahres 1970, als sich die neuen Kollegiatinnen und Kollegiaten des Semesters 70 S zu einer Einführungsversammlung in der Aula des Berlin-Kollegs trafen. Ich betrat das Haus in der Badenschen Straße mit großen Erwartungen, denn es war der bewusst vollzogene Beginn eines neuen Lebensabschnittes für mich und viele andere, die sich vorgenommen hatten, in zweieinhalb Jahren das Abitur "nachzuholen".

Anzug und Krawatte, die meine bis dahin siebenjährige Lehr- und Berufszeit zunächst als Reisebürokaufmann und dann als Landessekretär eines Jugendverbandes begleitet hatten, blieben zu Hause im Schrank. Stattdessen Jeans, Pullover und violette Socken, es ging darum, sich ein studentisches Image zuzulegen, dies als eine sichtbare Demonstration der Veränderung.

Warum war der Zweite Bildungsweg vor 30 Jahren für uns ein so erstrebenswertes Ziel? Sicherlich gibt es eine Vielzahl sehr individueller Antworten, aber zweifelsohne war unsere Generation von den damaligen Strömungen der Zeit erfasst, die unser Handeln beeinflussten. Das Lebensgefühl war in diesen Jahren von Beach Boys und Beatles geprägt, ebenso von der Ambivalenz, Kritik am politischen Geschehen, wie dem als ungerecht empfundenen Vietnam-Krieg zu üben, genauer an der westlichen Großmacht, die zugleich den Berlin-Status aufrecht hielt. Europas Jugend probte den gewaltfreien Protest, so wie ihn die Bürgerrechtsbewegungen Amerikas längst praktizierten. "We shall overcome one day" war in aller Munde. Nicht nur die politische Großwetterlage beschäftigte uns, sondern auch die Normen der eigenen Gesellschaft. Sogenanntes antibürgerliches und Antikonsumverhalten wirkten sich auch darin aus, dass wir unsere Haare länger wachsen ließen und "make love not war"-Buttons trugen. Beeindruckt waren wir von Willy Brandts Ostpolitik, die verhieß, Bewegung in die Deutsche Frage zu bringen. Ebenso war es die Zeit, in der die Elterngeneration nach der Verantwortung, auch nach der persönlichen Verantwortung bezüglich ihrer Rolle im Nationalsozialismus befragt wurde. Aber dies war nicht alles.

Die hauptsächlich durch den Sputnikschock ausgelösten Diskussionen - vor allem zuerst in Amerika -, ob denn das bisherige westliche Bildungssystem noch ausreichend war, die Gesellschaft voranzubringen, trug ganz wesentlich zu Diskussionen von Reformansätzen im Bildungssystem bei. Seit Mitte der 1960er Jahre waren auch in Deutschland Wissenschaftler, Bildungspolitiker und die Jugend von diesem Diskussionsprozess erfasst. Der Stellenwert der Breitenbildung und der Bildungschancen erhielt in diesen Jahren eine ganz neue gesellschaftliche Bedeutung. Wir wollten mehr von der Welt, von den Hintergründen und den Zusammenhängen wissen. Dies schien es wert, Vertrautes und berufliche Sicherheit aufzugeben. Letzteres war vor 30 Jahren wegen der anderen Arbeitsmarktlage allerdings viel unproblematischer als heute. So hatten wir unsere Berufe nicht aufgegeben, um später durch einen höherwertigen Abschluss eine berufliche Karriere machen zu können, sondern, weil der Drang nach persönlicher Bildung und Fortbildung so ausgeprägt war.<

Zu den zeitbedingten kamen persönliche Gründe. Ich selbst hatte gerade einen einjährigen Abendlehrgang zum Erwerb der Mittleren Reife absolviert und dabei erfahren, dass nicht nur Zeugnisse für die eigene Entwicklung von Bedeutung sind, sondern der Weg dorthin sehr herausfordernd und kreativ sein konnte. Zum anderen hatte ich das Glück, einen Berlin-Kollegiaten aus der Gründergeneration gekannt zu haben, der mir von dieser "Reformschule" berichtete. Dieter Korte, wir haben uns später aus den Augen verloren.

Als wir, die etwa 70 Neuen, Mitte April 1970 unsere Stundenpläne zusammenstellten, einte uns die Motivation, mit viel Schwung auf das neue Ziel zuzugehen. Gleichzeitig wurden wir mit den Fraktionsbildungen unter den Studenten der Berliner Universitäten im Westen der Stadt konfrontiert, weil die Kollegiaten - als mögliche künftige Studenten -sich nicht aus den damals aktuellen politischen Diskussionen heraushalten wollten. Schnell stellten sich trennende Zuordnungen ein: Rote Zellen, ADSEN, Bürgerliche, Unpolitische.

Die politischen Entwicklungen in Indochina, die Forderungen und Aktivitäten der Studenten in Amerika und in Europa, die Reaktionen der Politik und der Polizei, all dies stand im Mittelpunkt der politischen Diskussionen im Berlin-Kolleg. Auf Sit-ins und Diskussionsveranstaltungen ging es konkret um Themen wie "Gewalt gegen Personen oder Sachen" bis hin zu chiliastischen Erwartungen einer nahenden "Weltrevolution". Die weltpolitische Entwicklung schien die Dominostein-Theorie zu bestätigen: Immer mehr Staaten auf der Welt nannten sich damals sozialistisch. Das Berlin-Kolleg gab uns Freiräume, darüber inhaltlich zu streiten und Positionen zu beziehen. Im nachhinein bestand kein Zweifel: dieses Erlernen politischen Verhaltens war eine ungeheuer wichtige Entwicklungsphase in unserem Leben. Der Streit um die globalen politischen Themen dieser Zeit hinderte uns jedoch nicht daran, im Unterricht freundschaftlich und über alle Fraktionsgrenzen hinweg die zu behandelnden Inhalte zu erarbeiten, weil das Interesse an den Lernstoffen und an den anderen Mitlernenden ausgesprochen intensiv ausgeprägt war. Ich selbst habe übrigens schon nach kurzer Zeit die Kollegiatin Hella Agthe aus Kiel sehr schätzen gelernt. Bevor die Hälfte der Zeit am Kolleg verbracht war, waren wir eines der Kollegiaten-Ehepaare, die aus dieser Schule hervorgegangen sind.

Unsere Lehrer und Lehrerinnen waren so unterschiedlich und individuell wie in vielen Kollegien, eines war ihnen aber gemein. Wir spürten es: Ihnen machte die Arbeit mit uns Freude. Sie halfen beim Lernen, verstanden sich als anregende Vermittler und motivierten uns, die Unterrichtsinhalte anzugehen. Leistungen über Motivationsanreize zu erzielen, dies war die zweite wichtige Lebenserfahrung, die uns das Berlin-Kolleg vermittelte. Diese positiven Erfahrungen suchte ich in meinem späteren Berufsleben anderen gegenüber weiter zu geben.

In diesem Zusammenhang möchte ich gern einige Namen unserer Lehrerinnen und Lehrer Revue passieren lassen, wahrscheinlich sind nur die wenigsten heute am Kolleg noch bekannt: Bei Dr. Lindgens lernten wir, dass Gallien in drei Teile geteilt war, und für viele von uns war diese Erkenntnis der Startschuss zum Latinum. In seiner Philosophie-Arbeitsgemeinschaft erfuhren wir etwas über das philosophische Denken von Kierkegaard und Nietzsche, und ich weiß noch genau, wie kompliziert wir die Texte empfanden und wie stolz wir gewesen sind, sie am Ende doch einigermaßen verstanden zu haben.

Herr van Melis, eine rheinländische Frohnatur, war ein Genie in der Literaturvermittlung. Er gestaltete den Unterricht so spannend, aber auch unterhaltsam, dass die Unterrichtszeit nicht immer ausreichte und die Gespräche von Zeit zu Zeit abends in der Kneipe fortgesetzt wurden.

Uli Trautmann brachte ungemein viel Verständnis und Nerven bei der Vermittlung der neuen Mathematik auf. Zum einen hatte die Mengenlehre Hochkonjunktur, zum anderen ist mir heute nicht mehr klar, wie wir je Aufgaben wie diese lösen konnten: "Eine Parabel 4. Grades mit waagerechter Tangente im Koordinatenursprung hat im Punkt -1 eine Wendetangente mit der Steigung 2. Bestimme die Funktionsgleichung und den Verlauf der Parabel." Biologie und Spanisch vermittelte uns Frau Dr. Holroyd in mütterlicher Fürsorge. Herr Waldmann unterrichtete uns in Physik und nebenbei traf man sich hin und wieder zum gemeinsamen Joggen. Meine Facharbeit in Physik hatte die Methoden der Messung der Lichtgeschwindigkeit zum Thema.

Die Amerikanerin Sally Katz, ein sympathischer aufgekratzter Liza-Minelli-Typ, half uns schon durch ihre persönliche Art, sehr schnell über Alltagsthemen in die englische Sprache zu kommen.

Dr. Trzeciok, ein Urgestein aus der Gründergeneration des Kollegs, machte uns mit Gruppendynamik und Psychologie vertraut.

Herr Sachs, unser Direktor, den ich nur als Kettenraucher erlebt habe, kämpfte in unermüdlichem Arbeitseinsatz, das Experiment Berlin-Kolleg gegenüber der Kritik von außen zu sichern. Die Vorwürfe, ob an den Berliner Universitäten überhaupt noch richtig gelernt würde, wurden auch auf das Berlin-Kolleg übertragen. Bis zu unserem Abitur im Herbst 1972 blieb jedoch alles so, wie es sich die Gründer einst ausgedacht hatten. Erst später kam es auch hier zur Anpassung an die inzwischen eingeführte reformierte Oberstufe in der Berliner Schule.

Als wir nach zweieinhalb Jahren die Abiturprüfungen abgelegt hatten, waren wir dankbar für diese kreative Zeit, die uns das Berlin-Kolleg geboten hatte. Nicht nur die Hochschulreife war erreicht, sondern - wie wir meinten - eine viel weiterreichende Reife erlangt, die uns die nächsten Schritte im Leben sehr bewusst angingen ließen. Obwohl am Beginn der Schulzeit am Berlin-Kolleg das Studium für viele durchaus nicht als der vorgezeichnete Weg galt, nahmen doch die meisten von uns ein Studium auf. Die, die in Berlin blieben, sahen sich von Zeit zu Zeit - eher per Zufall - wieder. Zu großen Wiedersehensfeten ist es meines Wissens nach nicht gekommen. Was insgesamt aus dem Jahrgang 70 S geworden ist, weiß ich im Detail nicht. Einige sind Lehrer geworden, andere Ärzte, einer wurde Pfarrer, manche arbeiteten an Universitäten im Wissenschaftsbetrieb oder gingen in die Privatwirtschaft.

Ich habe im Verlauf der letzten dreißig Jahre immer wieder Menschen in verantwortungsvollen Positionen getroffen, die ihre schulische Laufbahn über den Zweiten Bildungsweg abgeschlossen hatten. Für mich sind solche Zusammentreffen immer auch Ausdruck dafür, wie wichtig dieses Bildungsangebot war und ist.

Was mich selbst betrifft, so ist mein weiterer beruflicher Werdegang genauso wenig gradlinig verlaufen, wie er es bis zu meiner Berlin-Kolleg-Zeit war. Nach dem Studium der Geschichte, Geographie, Pädagogik und Philosophie sowie der Promotion an der Freien Universität Berlin ließ ich mich zum Studienrat ausbilden. Leider scheiterte mein eigentlicher Wunsch, an der Schule arbeiten zu dürfen. Dies allerdings nicht an der mangelnden Qualifikation, Herr Dr. Lindgens, den ich als Vertrauenslehrer für die Zweite Staatsprüfung gewählt hatte, kann dies bestätigen - sondern an dem ersten Einstellungsstopp für bestimmte Fächer an der Berliner Schule Mitte der 80er Jahre.

Ich ergriff daher eine Chance, die mich auf einen völlig anderen, vorher nicht geplanten Weg für zunächst sechs Jahre brachte: Als Referent des Kultursenators war ich für die Gründung des Deutschen Historischen Museums in Berlin zuständig und habe dabei ungemein viel über politische Entscheidungsprozesse und die sie beeinflussenden Faktoren gelernt. Danach arbeitete ich neun Jahre lang in der Leitung des Deutschen Historischen Museums und half beim Aufbau dieser großen Kulturinstitution. Ausstellungen und wissenschaftliche Symposien vorzubereiten und durchzuführen, die Gremienarbeit der Trägerorganisation und die Außenvertretung des Hauses zu leiten sowie viele innerbetrieblichen Aufbauarbeiten zu bewältigen, machten sehr viel Freude und viel Arbeit. Seit dem Frühjahr des Jahres 2000 helfe ich dem jetzigen Kultursenator als Staatssekretär bei der Arbeit, die Probleme der Berliner Kultureinrichtungen in Zeiten erheblicher Haushaltsprobleme zu verringern. Meinen mehrmaligen Berufswechsel sehe ich durchaus als Vorteil an, gab er mir doch die Möglichkeit des Einblicks in sehr unterschiedliche Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens. Dafür bin ich sehr dankbar.

Dreißig Jahre nach meiner Berlin-Kolleg-Zeit möchte ich an dieser Stelle all denen danken, die seinerzeit am Kolleg in der Direktion und als Lehrkräfte tätig waren. Den heute Aktiven möchte ich aus den Erfahrungen der damaligen Zeit sagen, Sie leisten eine wichtige Arbeit. Auch wenn es die jeweils studierenden Kollegiatinnen und Kollegiaten ihren Lehrkräften gegenüber nicht so zum Ausdruck bringen oder brachten, das Berlin-Kolleg ist für viele Menschen, die es in den Jahrzehnten seit seiner Gründung besucht haben, eine ausgesprochen wichtige Station in der Entwicklung jedes einzelnen gewesen. Bieten Sie den heutigen und den kommenden Kollegiatinnen und Kollegiaten wenn auch unter veränderten Rahmenbedingungen die gleichen Chancen, wie sie uns vor dreißig Jahren geboten wurden.

Vielen Dank

gehalten am 24. November 2000, 10 Uhr im Berlin-Kolleg (Aula Lützowstr. 106, 10785 Berlin)

 

Eine kurze, unvollständige Geschichte des Berlin-Kollegs

von Jörg Heidrich

<DL> <DT>1960</DT> <DD>

Gründung des Berlin-Kollegs als staatliche Einrichtung, an der Erwachsene das Abitur machen, sein Auftrag wird mit einem eigenen Paragraphen (§ 49) des Berliner Schulgesetzes geregelt. Sitz der Schule: als Untermieter in Räumen der Fachhochschule für Politik, später in Räumen der Fachhochschule für Wirtschaft in der Badenschen Straße, Berlin-Schöneberg. Erster Kollegleiter: OStD Boese. Nach den ersten kleineren Jahrgängen arbeiten rund 350 Kollegiaten und 30 Lehrer in Tages- und Abendlehrgängen.

</DD> <DT>1967/68</DT> <DD>

Kritik von Studenten an den verkrusteten Strukturen der Bundesrepublik

</DD> <DT>1968</DT> <DD>

Nach einem "Streik" der Kollegiaten und einer Demonstration auf der Straße wurde eine "Reformkommission" von Kollegiaten und einigen Lehrern am Berlin-Kolleg gegründet, z.B. der "Ausschuss für Didaktik" mit der Frage: Wie unterrichtet man Erwachsene? Forderungen nach einer Kolleg-Ordnung, einer erweiterten Mitbestimmung für Kollegiaten wurden erhoben, die Reform wurde umgesetzt und praktiziert, sie fand bundesweit Beachtung.

</DD> <DT>1969</DT> <DD>

Wahl eines Kollegleiters durch BK-Lehrer und unter Beteiligung der Kollegiaten (dieses Wählen war revolutionär neu!), Hugo Sachs wurde aber erst 1971 formell zum Leiter des Kollegs ernannt, er hatte maßgeblich die Reform in Gang gebracht. Orginalzitat Hugo Sachs: "Was nun kam, war die Hölle. Ich sage gleich dazu eine Hölle, die höllisch Spaß gemacht hat. Hohe Beamte in der Senatsverwaltung nannten mich einen linken Rowdy, während Kollegiatenvertreter in ihrer Zeitung die Befürchtung aussprachen, das Kolleg möge unter meiner Leitung eine CDU-Hochburg werden."

</DD> <DT>1981</DT> <DD>

Ende der Kolleg-Reform, das BK wurde gegen den Willen seiner Gremien wie alle Kollegs von der Kultusministerkonferenz an den Ersten Bildungsweg (Oberstufenreform) angepasst, die Wahlmöglichkeiten der Kollegiaten für verschiedene Fächer wurden erweitert, die Fächerinhalte eingeschränkt (Rahmenpläne wie am Gymnasium), manche Strukturen der BK-Reform blieben auf der Strecke, trotzdem haben die Kollegiaten in den paritätisch besetzten Gremien mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten als Gymnasiasten im Ersten Bildungsweg.

</DD> <DT>1985</DT> <DD>

Die Schriften "Ein Schulkampf - zur Geschichte des Berlin-Kollegs" von Peter Trzeciok und "Beiträge zur Reform des Berlin-Kollegs 1968 - 1981" erscheinen (Schriften liegen hier aus).

</DD> <DT>1989</DT> <DD>

Kollegleiter Hugo Sachs geht in Pension. Wahl von Helga Sauerbrey zur neuen Kollegleiterin aus dem Kreis des Kollegiums

</DD> <DT>1989</DT> <DD>

Die Mauer in Berlin fällt, das Treptow-Kolleg wird Partnerschule des BK.

</DD> <DT>1992</DT> <DD>

Lehrer des Berlin-Kollegs unterrichten an Ost-Berliner Kollegs und umgekehrt.

</DD> <DT>1994</DT> <DD>

Erstes Erscheinen des "Diskurs - Zeitschrift für das Berlin-Kolleg", verfasst von Kollegiaten und Lehrern (es gab zuvor immer wieder für ein paar Jahre Kollegiaten-Blätter für das BK).

</DD> <DT>1995</DT> <DD>

Umzug des Kollegs in neue, größere Räume in der Lützowstraße im Bezirk Tiergarten

</DD> <DT>Ab 1996</DT> <DD>

Regelmäßige Studienfahrten von Berlin-Kolleg-Gruppen nach Israel

</DD> <DT>1997</DT> <DD>

Fifty-Fifty-Vereinbarung von Bezirk Tiergarten und Berlin-Kolleg zur Energieeinsparung

</DD> <DT>2000</DT> <DD>

Helga Sauerbrey geht in Pension. Rainer von Paris wird neuer Kollegleiter. Rund 600 Kollegiaten und 70 Lehrer arbeiten am Kolleg.

</DD></DL>

Wie ich das Berlin-Kolleg leiten möchte

von Rainer von Paris

Erfahrungen

Ich bin 1951 in Kassel geboren, Einzelkind und anders als mein Name vermuten lässt, in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. 1958 bis 1962 besuchte ich die Grundschule und wechselte dann zum Gymnasium. In Hessen endet die Grundschule schon mit der 4. Klasse. 1970 bestand ich die Abiturprüfung und begann mit dem Studium, Mathematik mit dem Nebenfach Physik in Göttingen. Nach dem Vordiplom wechselte ich 1973 zur Freien Universität Berlin und machte dort 1975 mein Diplom in Mathematik.

Zu dem Zeitpunkt war mir schon klar, dass ich Lehrer werden wollte. Das wurde ich dann auch, erst 1976 Stundenlehrer an einer Privatschule, dann 1977 Referendar mit den Fächern Mathematik und Physik und nach dem Referendariat war ich seit November 1978 an der Sophie-Scholl-Oberschule.

1978 war noch ein gutes Jahr für Lehrer, man konnte sich die Schule aussuchen. Ich habe deshalb bewusst die Sophie-Scholl-Oberschule als Gesamtschule ausgewählt. Ausschlaggebend waren zwei Gründe. Ich hatte und habe den Wunsch, sozial Schwächeren zu helfen und ein bisschen mehr Chancengleichheit zu verwirklichen. Das hat wohl mit meiner Herkunft, meinem Lebensweg zu tun. Natürlich geht das auch am Gymnasium, aber ich war und bin davon überzeugt, dass die Gesamtschule diesem Anspruch besonders gerecht wird.

Dazu kam, die Sophie-Scholl-Oberschule war 1978 gerade als Gesamtschule gestartet und der Gedanke, am Aufbau einer neuen Schule mitzuwirken, reizte mich.

Ich habe dann am Aufbau des Fachbereichs Mathematik mitgewirkt und entdeckt, dass zur Grundausstattung einer Gesamtschule auch Computer gehören. Die habe ich seit 1982 im Unterricht eingesetzt, einen EDV-Raum ausgestattet und Grundkurse Informatik eingerichtet. 1983 wurde ich Fachbereichsleiter für Mathematik und Informatik und arbeitete seitdem mit beim Erstellen des Stundenplans.

Ich war dann beteiligt an der Idee, behinderte und nicht behinderte Schüler an der Sophie-Scholl-Oberschule gemeinsam zu unterrichten, heute fast eine Selbstverständlichkeit, damals betraten wir absolutes Neuland. Außerdem hatte ich viel mit der Informatik zu tun, sie wurde mehrfach neu ausgestattet und zur neuen Ausstattung kamen neue Räume hinzu. 1990 wurde ich Stellvertretender Schulleiter, erst lange Zeit beauftragt, kommissarisch, dann seit 1996 vom Kollegium benannt und nach einer Bewährungszeit 1997 ernannt. Es hat mit 7 Jahren schon sehr lange gedauert, aber insgesamt ist diese Verfahrensdauer für Berlin wohl nicht ungewöhnlich.

In meiner Zeit als Stellvertreter konnte ich die Raumsituation und in vielen Fällen die Ausstattung verbessern. Der Schulhof wurde umgebaut und begrünt und das Gebäude verschönt. Zudem ist die Sophie-Scholl-Oberschule Europaschule geworden und dadurch wahrscheinlich auch langfristig gesichert.

Im Sommer 1999 wurde der bisherige Schulleiter pensioniert, seitdem leitete ich die Schule, ich denke mit der Zustimmung und der Zufriedenheit der meisten Kolleginnen und Kollegen. Zumindest schließe ich das aus dem Zuspruch und den vielen Aufforderungen, mich doch noch als Schulleiter für die Sophie-Scholl-Oberschule zur Verfügung zu stellen.

Warum ich zum Berlin-Kolleg wollte

Als vor zwei Jahren die Schulleiterstelle für die Sophie-Scholl-Oberschule ausgeschrieben wurde, habe ich lange überlegt, ob ich mich bewerben sollte. Es gab zwei Hauptgründe, die mich bewogen haben, es nicht zu tun. Zum Einen glaube ich, dass meiner Schule, jeder Schule, von Zeit zu Zeit frischer Wind gut tut. Ich mache seit 1983 Stundenplan, habe seitdem Leitungsfunktionen und kenne die Schule und das Kollegium in- und auswendig. Aber vielleicht macht die große Erfahrung auch betriebsblind und ein neuer Schulleiter sieht manches anders, stellt andere Fragen und kommt zu besseren Antworten, als es meine eingefahrenen sind.

Dazu kommt als persönlicher Grund mein Wunsch noch einmal etwas Anderes, etwas Neues zu machen. Ich will nicht aussteigen, Lehrer bin und bleibe ich mit Leib und Seele, aber will noch einmal eine neue berufliche Herausforderung wagen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich halte es nicht für ein Wagnis, zum Berlin-Kolleg zu gehen.

Zu einer anderen Gesamtschule wollte ich nicht, ich würde nur mit der Sophie-Scholl-Oberschule vergleichen und nachahmen. Ein Wechsel zum Gymnasium wäre denkbar, aber bei den meisten Gymnasien vermisse ich die soziale Kompetenz, den Willen nicht nur zu fordern, sondern auch zu fördern.

Im Berlin-Kolleg erhoffe ich mir eine Arbeit, orientiert am Gedanken der Förderung von Benachteiligten und der Herstellung von etwas mehr Chancengerechtigkeit. Durch den Zwiespalt, einerseits bestimmte Leistungen, Qualifikationen verlangen zu müssen, andererseits aber auch den Kollegiaten und ihrem Lebensweg gerecht werden zu wollen, halte ich die Aufgabe am Kolleg für anspruchsvoller, aber auch reizvoller als im gegliederten Schulsystem.

Und in dieser besonderen Verantwortung sehe ich Gemeinsamkeiten zwischen der Gesamtschule und dem Kolleg.

Ich habe bisher keine Erfahrung mit dem 2. Bildungsweg, weder als Schüler noch als Lehrer. Aber ich bin lernwillig und -fähig und hoffe mit meiner Neugier im Laufe der Zeit meinen Mangel an Erfahrung wettzumachen. Erfahrung habe ich allerdings in der Leitung einer großen Schule. An der Sophie-Scholl-Oberschule unterrichten 120 Lehrer etwa 1100 Schüler, davon 300 in der Sekundarstufe II.

Welche konkreten Aufgaben hat der Schulleiter?

Ich muss zuallererst dafür sorgen, dass die nötigen Voraussetzungen für den Unterricht gegeben sind. Lehrer, Räume, Sachmittel und Schüler müssen vorhanden sein und obwohl damit auch viele andere Personen und Institutionen befasst sind, ist die Schulleitung die wichtigste Schaltstelle, ist für alles verantwortlich oder wird jedenfalls verantwortlich gemacht.

Und auch für eine noch so gute Schulleitung werden die Probleme der Lehrerversorgung angesichts unserer Altersstruktur, der Haushaltslage und der geringen Bedeutung von Bildung in der Politik immer größer werden. Ich hoffe, die Zustände werden nicht ganz chaotisch. Dabei ist eine gute Zusammenarbeit mit der Schulaufsicht wichtig, die biete ich ausdrücklich an. Dazu gehört aber auch Offenheit. Ich erwarte, dass die uns zustehenden Lehrerstunden rechtzeitig bereitgestellt werden und die Kolleginnen und Kollegen in ihrer täglichen Arbeit nicht nur von der Schulleitung, sondern auch von der Schulaufsicht angemessen gewürdigt und unterstützt werden.

Bei der Frage der Räume, Stichwort Schulgebäude, der Sachmittel (Beispiel: Wo bekomme ich eine neue Computerausstattung her?) ist der Schulträger, also der Bezirk gefordert. Hier habe ich Erfahrungen, den Hof habe ich erwähnt, das Schulgebäude der Sophie-Scholl-Oberschule wird zurzeit saniert und ich hoffe, die dabei gewonnen Erfahrungen auch für das Kolleg einsetzen zu können.

Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, müssen die Abläufe organisiert werden, also Unterrichtsverteilung, Stundenpläne, Prüfungspläne usw. Damit ist eine Schulleitung eigentlich schon gut beschäftigt und wenn sie erreicht, dass eine Schule in diesem technischen Sinn funktioniert, ist das schon viel.

Schule ist aber noch mehr. Sie ist für uns Kollegen Arbeitsplatz, ist für Kollegen und Kollegiaten ein Lebensmittelpunkt, ein Stätte, an der nicht nur Wissen sondern Bildung, Kultur, Einstellungen, Haltungen vermittelt werden.

Das Aufrechterhalten eines freundlichen, positiven Schulklimas ist eine der wichtigsten Aufgaben des Schulleiters und hat viel mit der Frage zu tun:

Wie leite ich denn eine Schule?

Grundsätzlich sehe ich zwei Modelle. Eine Schule ist eine Behörde und wird wie eine Behörde hierarchisch geführt mit Leiter, Stellvertreter, usw. Das kann funktionieren und der Vorteil solcher Strukturen sind genau festgelegte Verantwortlichkeiten. Der Gegenpol ist die kollegiale Schulleitung, die nur nach Absprache und im Konsens entscheidet.

Ich bin ein Verfechter der kollegialen Schulleitung. Ich biete Ihnen kollegiale Zusammenarbeit an, erwarte sie allerdings auch von allen Mitgliedern des Kollegiums.

Ich habe oft erlebt, wie in Gesprächen Lösungsvorschläge entwickelt wurden, die die Interessen, Vorgaben vieler Beteiligter viel besser berücksichtigten als Einzelne das könnten. Schule ist nicht Selbstzweck, das gilt auch für das Kolleg. Wir sind dafür da, dass die uns anvertrauten Schüler bzw. Kollegiaten etwas lernen und nach Möglichkeit die Abiturprüfung bestehen. Verantwortung dafür tragen wir alle, zuallererst allerdings der Schulleiter. Diese Verantwortung nehme ich ernst und versuche ihr gerecht zu werden.

 

Von Paris ans BK

Wie ihr alle wisst, haben wir seit dem 08.11.2000 einen neuen Direktor, Herrn Rainer von Paris, bei uns am Kolleg. Einige von uns Kollegiaten haben schon die Bekanntschaft mit ihm gemacht bei seiner kurzen Antrittsrede in der Aula.

Aufgrund dessen haben wir vom Diskurs uns entschlossen, ihn nochmals zu treffen um herauszufinden, wer "unser Neuer" ist und mit welchen Vorstellungen er seinen Dienst am BK antritt. Leider war es aus technischen Gründen nicht möglich den direkten Wortlaut wiederzugeben. Das heißt, die Antworten unseres Gesprächspartners sind nachformuliert.

Herr von Paris, mit welchem Gefühl sind Sie heute, an Ihrem ersten Montag am BK, hierher gekommen?

Herr von Paris: Ich bin heute mit freudiger Erwartung hierher gekommen. Ich wurde ja schon in den letzten drei Tagen der vorigen Woche von allen sehr positiv empfangen, leider momentan mehr vom Kollegium als von den Kollegiaten, da der Kontakt Direktor - Kollegiat schon aus unterrichts- und planungstechischen Gründen noch nicht möglich ist. Allerdings werde ich zunächst im Vorkurs-Bereich tätig sein und versuchen die ein oder andere Vertretungsstunde in allen Stufen zu übernehmen.
Obwohl mein organisatorischer Überblick noch nicht komplett ist, sinkt meine Wehmut gegenüber dem Weggang von der Sophie-Scholl-Schule und die Freude gegenüber meiner neuen Aufgabe steigt.

Ihre Arbeit am BK orientiert sich am Gedanken der Förderung von Benachteiligten und der Herstellung von etwas mehr Chancengleichheit.

Ich habe großen Respekt vor der Entscheidung der Kollegiaten, als Erwachsene und nach einer Zeit im Beruf oder Berufsausbildung noch einmal auf eine Schule, unser Kolleg, zu wechseln. Für viele bedeutet dieser Schritt einen Einschnitt und ist mit Risiken verbunden. Das Kolleg bietet dafür neue Lebens- und Bildungschancen und ich wünsche allen Kollegiaten, dass sie diese Chance nutzen und die Abiturprüfung bestehen. Dazu ist das Kolleg da und ich will daran mitarbeiten, dass möglichst viele Kollegiaten einen möglichst qualifizierten Abschluss bekommen.
Das Kolleg ist ein anerkannter und akzeptierter Bestandteil unserer Bildungslandschaft, aber es ist für einen Teil unserer Kollegiaten auch mehr. Noch immer gibt es Jugendliche, denen in ihrer Schulzeit die Möglichkeit einer besseren Bildung und Ausbildung genommen wird.
Die Gründe dafür sind vielschichtig, können in der Person des Schülers selbst, dem Umfeld oder der Gesellschaft liegen. Dieser Personenkreis braucht oft besondere Unterstützung und diesen Kollegiaten neue Wege zu öffnen bedeutet, für etwas mehr Chancengerechtigkeit zu sorgen.

Es ist vielen Schülern nicht möglich nur vom BAföG zu leben - was halten Sie davon, dass Kollegiaten neben der Schule noch arbeiten?

Es wäre wünschenswert, wenn sich eine Kollegiatin, ein Kollegiat voll auf die Ausbildung im Kolleg konzentrieren könnte.
Lernen am Kolleg ist zeitaufwendig. Es bedeutet ja nicht nur anwesend zu sein während des Unterrichts. Hausaufgaben müssen gefertigt werden und der Stoff muss vor- und nachbearbeitet werden. Außerdem braucht der Mensch, also auch der Kollegiat, etwas Freizeit.
Nur wenige Kollegiaten können allein mit ihren maximal 900 DM vom BAföG-Amt auskommen. Nach Abzug von Miete und anderen Fixkosten bleibt ja vom Förderbetrag nicht mehr viel zum Leben übrig. Ich habe deshalb Verständnis dafür, dass viele am Kolleg neben der Ausbildung noch in einem Nebenjob arbeiten.

Herr von Paris, als letztes eine privatere Frage. Ihrer Biographie nach sind Sie ein Einzelkind - ist unser neuer Direktor ein Familienmensch?

Nun, ich bin seit 1975 glücklich verheiratet, habe zwei Kinder und bin mit meiner Situation rundum zufrieden.

Vielen Dank für das kurze aber offene Gespräch und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit am Kolleg.
Für den Diskurs sprachen Kolja und Renè mit Herrn von Paris.


"BAföG" hatte einen Anfang

von Georg Galle-Wilson

Die in den sechziger Jahren unter dem Schlagwort "Bildungsnotstand" gegründeten Institute des Zweiten Bildungswegs ermöglichten interessierten Berufstätigen durch die nachträgliche Erlangung der Allgemeinen Hochschulreife eine akademische, berufsbezogene Weiterbildung. Jedoch gab es bis Ende der sechziger Jahre in der Regel keine finanzielle Ausbildungsförderung. Man mußte nebenbei arbeiten, vom Ersparten leben oder die Eltern um Unterstützung bitten. Dies zu ändern war eines der Ziele der damaligen studentischen Reformbewegung, zu der sich die Kollegiaten überwiegend bekannten, wenn auch häufig untereinander zerstritten über die Vorgehensweise. Sehr beliebt waren die modernen "go in" und "sit in" zum damaligen Sitz der Schulbehörde in der Bredtschneiderstraße in Charlottenburg. Schließlich begann im Sommersemester 1970 eine elternunabhängige Förderung für die Kollegiaten; sie betrug ungefähr 270 DM im Monat und wurde bis zum Schulende gezahlt. Wer anschließend ein Studium an einer Universität aufnahm, fiel wieder in die vorherige Situation zurück: Eine Stipendiumgewährung war wieder abhängig von dem Einkommen der Eltern; bei Nichtgewährung könne man ja gegen die Eltern klagen, hieß es; na ja, reichlich unkomisch. Also ging es erneut um das Geldheranschaffen. Das soll heute auch noch so sein ... ...

Seit 1971 gibt es die Unterstützung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz.

 


"Jeder Mensch ein Künstler"

Über die künstlerischen Fächer am Berlin-Kolleg
von Pamela Washington

Die Fächervielfalt an unserem Kolleg macht es nicht nur möglich sich in naturwissenschaftlich - mathematische, gesellschaftswissenschaftliche oder philologische Höhen aufzuschwingen - auch die künstlerische Seele kann ihre Flügel weit ausspannen! Die Kunst gehört nicht den Künstlern allein - sie ist frei wie die Luft, die wir atmen, und für uns alle da.

Es bereitet Freude sich auszudrücken und viele Kollegiaten, die sich mit einem ihrer Leistungsfächer für ein künstlerisches Fach entschieden haben, berichten von dem seelischen Ausgleich, den dieses bietet. Auch stellt dies eine Gelegenheit dar das vielleicht schon einmal früher begonnene Musizieren, Malen, Schauspielern oder Fotografieren, etc. wieder aufzunehmen.

Natürlich ist künstlerisches Schaffen auch harte Arbeit - wie schon Karl Valentin sagte: "Kunst ist schön - macht aber viel Arbeit."

Bis zum Abitur wird man sich beispielsweise im Fach Musik auch mit der Harmonielehre auseinandersetzen müssen und im Fach Kunst nicht nur an der Staffelei stehen, sondern auch seine Kenntnisse über Kunstgeschichte, Druck, Architektur und die Bildhauerei erweitern. Im Fach "Darstellendes Spiel" wird man nicht nur einiges über sich selbst und die Anderen lernen, sondern auch über Atemtechnik, Bewegung und Choreografie. Es gibt auch zahlreiche zusätzliche Möglichkeiten sich zu erproben, die da wären: Die Foto AG, Theater AG, Schulband, der Chor, Kreatives Schreiben, die Film AG und - ab nächstem Semester vielleicht - die Video AG und ein Kammermusikensemble.

An dieser Stelle möchte ich - auch im Namen vieler anderer Kollegiaten - Herrn Gunter Sanders, einem Lehrer an unserer Schule, der sich auf besondere Art und Weise verdient macht um die "künstlerisches Entwicklung" der Kollegiaten, meinen Dank aussprechen. Monatlich, teilweise auch mehrmals im Monat stellt Gunter Sanders in Eigenarbeit eine hervorragende Auswahl von Theater-, Konzert- und Opernveranstaltungen zusammen. Diese sind humorvoll kommentiert und legen auch Wert darauf, den blutigen Anfänger aufzuklären, worum es sich bei dem jeweiligen Ereignis handelt, damit er sich nicht gleich versehentlich in eine fünfstündige Wagner-Oper verläuft. Trotz unseres kleinen BAföG-Budgets sitzen wir - dank Gunter Sanders - in den ersten Rängen der Berliner Häuser! Übrigens unterrichtet Herr Sanders Mathematik. Er liebt die Kunst, das Reisen und Sprachen und es ist immer ein Genuß ihn "Bravo, bravo" rufen zu hören, wie neulich beim "Sibelius-Konzert" in der Philharmonie - oder ausflippen zu sehen ("Albern, albern") wie beim Karl-Heinz-Stockhausen-Konzert, welches am 1.Oktober 2000, dirigiert von Kent Nagano, stattfand. Karten können auch bei Frau Schulz im Sekretariat bestellt werden. Das Heft der Vereinigung "Theater der Schulen" liegt in den Bezirksämtern Berlins aus. Auch hier können günstige Karten bestellt werden. Auch lieben Dank an Frau Schulz!

Unsere Musiklehrer Bertold Schramm und Reinhard Hoyer organisierten die Teilnahme unserer Schule an internen Proben des DSO mit Lorin Maazel ("Der Ring in 90 Minuten") und wir konnten uns, nebst Freikarten, in der Kantine unter die Philharmoniker mischen, die in der einen Hand Kaffee und Brötchen hielten und in der anderen die Geige. War auch mal spannend gewesen das Orchester in Jeans und Pulli proben zu sehen ...! Übrigens würde Bertold Schramm HdK-Willige auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten - aber "unter Aufgabe ihrer Freizeit" (ist ja klar, oder?).

Also Leute- schwingt Euch auf! Wann wird es dazu nochmals solche Gelegenheiten geben?

Eure Pamela


Leitung - hatten wir nicht, brauchten wir nicht?

von der Redaktion

Strom kommt doch aus der Steckdose - wozu brauchen wir da Atomkraftwerke? Jetzt sind wir doch sooo gut ohne Leitung ausgekommen! Man hat gar nicht gemerkt, dass da was fehlt - oder? Endlich einmal nicht diese dauernden Dienstbesprechnungen, nicht jeden Morgen ins Mitteilungsbuch schauen müssen, ob nicht wieder eine Terminliste, ein wichtiges Rundschreiben, eine Ermahnung abzuzeichnen ist.

Da konnte man richtig aufatmen, in die Schule kommen, ohne das ständige Gefühl im Nacken zu haben beobachtet zu werden, kontrolliert, strichgelistet, nach oben weitergemeldet zu werden.

Und es hat doch alles funktioniert, oder? Immer pünktlich Listen abgegeben, alle Fehlzettel eingeordnet, alle Stühle hochgestellt, alle Fenster zugemacht. Dafür kann doch auch Karin Ullrich sorgen, das mit 50-50. Kopierer wurde auch immer prompt repariert. Und die Blumen wurden sowieso immer zuviel gegossen.

Und warum hat man nichts gemerkt? Und warum hat alles so gut funktioniert? Und warum sind alle Listen vollständig? Na? Kommt niemand von allein auf die Antwort? Muss man immer alles verraten? Waren da nicht noch Michael Spehr, Susanne Ilfrich, Monika Glander und Frau Schulz, die den ganzen Laden geschmissen haben? Hättet ihr aber auch von selbst drauf kommen können!

Verwaltung ist gut, wenn man sie nicht spürt. Da müssen ein paar Leute sitzen und sich einen Kopf machen, damit wir unseren frei haben. Danke!


WAS IST PASSIERT?

Nicky Flöß, ehemalige Vorsitzende des Gemeinsamen Ausschusses

Der Gemeinsame Ausschuss ist am 06.10.2000 zurückgetreten. D.h., die anwesenden Mitglieder (1 Kollegiat, 2 Lehrerinnen) sind zurückgetreten, weil der Ausschuss

  1. beschlussunfähig war (50% der 12 Mitglieder müssen für die Beschlussfähigkeit anwesend sein) und

  2. weil ohnehin lediglich 6 Kollegiat/inn/en und 3 Lehrerinnen - und nicht die erforderlichen 12 Kollegiat/inn/en und 10 Lehrer/inn/en plus Schulleitung in den Ausschuss gewählt worden waren.

Der GA ist das paritätisch (also zu gleichen Teilen aus der Kollegiatenschaft und der Lehrerschaft mit Schulleitung) besetzte Gremium, das als Ventil fungiert, das als Bindeglied zwischen den beiden Gruppen Konflikte anspricht und dadurch versucht vorzubeugen, das Verbesserungsvorschläge für die Schule erörtert und das die Kollegiatenvertretung, die Fachkonferenzen und die Gesamtkonferenz über ihre Arbeit informiert. Es soll sich auch mit Fragen des Zusammenlebens deutscher und ausländischer Kollegiat/inn/en und Lehrer/innen befassen.

Beschlüsse, die der Gesamtkonferenz zur Verabschiedung vorgelegt werden, müssen zuerst im GA diskutiert und formuliert werden: Der GA ist laut "Beschluss der Gesamtkonferenz vom 19.12.1990 zur Mitbestimmung am Berlin-Kolleg" in folgenden Angelegenheiten zu hören:

  • Teilung, Zusammenlegung und Auflösung des Kollegs

  • wichtige organisatorische Entscheidungen und Änderungen im Schulbetrieb (z.B. Einrichtung von Leistungskursschienen, Anzahl der einzurichtenden Kurse),

  • Angebot freiwilliger Unterrichtsveranstaltungen.

In den letzten zwei Jahren hat der GA Anträge an die Gesamtkonferenz weitergeleitet, die das Fächerangebot und die Ausstattung unserer Schule verbessert haben. Es waren Anträge zur

  • Einrichtung von Leistungskursen in Geschichte/Philosophie/Musik

  • Ausgabe der "50-50" Gelder, insbesondere für die Anschaffung von

  • Schließfächern für die Kollegiatenschaft

  • und einer Solaranlage

  • Finanzierung eines Schulfestes im Sommer 2000.

Auf eine der "Todesanzeigen" des GAs, die nach dem Ableben des GAs im Schulgebäude aushing, hat jemand gekritzelt: "Naiv zu glauben, daß jemand am Freitag Nachmittag zu einer Versammlung geht." Da stellt sich die Frage, ob Mitbestimmung, ob das Bedürfnis nach Mitbestimmung sich am Wochenende einstellt? Das scheint doch nicht der Falll zu sein, da ein Kollegiat, der den GA reaktivieren möchte, die Initiative ergriffen hat, den GA mit einer Nachwahl wiederzubeleben. Er hat dieses Anliegen mit Aushängen angekündigt, die lauten: "DER GA LEBT!" Ich hoffe es. 

Über Grenzen

von Christopher Rogerson

Diese Abitur-Rede wurde im Juli 2000 an der Martin-Buber-Schule in Spandau gehalten. C. Rogerson ist Engländer und dort Englisch-Fachbereichsleiter. Die Redaktion dankt Nicky Flöß, dass sie uns diesen nachdenklich stimmenden Text zugänglich gemacht hat, der das deutsche Bildungswesen einmal mit anderen Augen gesehen darstellt.

Liebe Abiturienten, liebe Eltern, liebe Kollegen. 

Als Herr Kampmann mich im Februar bat, die diesjährige Abiturrede zu halten, hatte ich bei der Themenwahl Glück, da ich zu jener Zeit dabei war, meinen Leistungskurs Englisch-Schülern in das Amerika der 60er Jahre zurückzuführen, d.h. in die Epoche John F. Kennedys, der vor 40 Jahren zum jüngsten Präsidenten der USA gewählt wurde. 1960 war für die Menschen in den USA eine Zeitenwende. Kennedy griff sie auf, um eine Abkehr von den selbstgefälligen, bequemen Haltungen während des Konsumrausches der 50er Jahre einzuläuten. 1960 bei seiner Annahme der Kandidatur für die Demokraten in Los Angeles prägte er, wie so oft in seinen brillanten Reden, einen Begriff, der zum Motto seiner Präsidentschaft wurde: New Frontier (neue Grenze). Damit wusste Kennedy den Nerv der Amerikaner zu treffen, denn, historisch gesehen, war diese Nation der Pioniere immer wieder an Grenzen natürlicher Art gestoßen, die es auf ihrem stetigen Weg nach Westen zu überwinden galt, bis die neuen Siedler nach über 200 Jahren schließlich über Land an die Westküste gelangten. Kennedy konnte also zurückgreifen auf ein historisches Verständnis von "frontier", das nicht als Begrenzung, Beschränkung, Einengung zu verstehen war, sondern als Herausforderung, Öffnung, Möglichkeit.

Sechs Monate später vertiefte er diese programmatischen Vorstellungen bei seiner Antrittsrede in Washington. Es ging wieder um Grenzüberschreitungen. Grenzen sollten überschritten werden im wissenschaftlich-technologischen Bereich (die Schlüsselwörter hier: "space race" und "man on the moon" - das Wettrennen im All, um den ersten Menschen auf den Mond zu setzen. Grenzen sollten überschritten werden in den internationalen Beziehungen mitten im Kalten Krieg (hier seine Losung: Verhandeln ja, aber aus einer Position der Stärke; gleichzeitig aber Einrichtung des Peace Corps, das Tausende junger Leute zum freiwilligen Dienst in der Dritten Welt motivierte). Grenzen sollten überschritten werden auch in den Beziehungen zwischen den Rassen (seine Zielsetzung hier: Gleiche Rechte für Schwarz und Weiß). Die größte Herausforderung, die auch seine Amtszeit prägte, stellte er aber an seine Mitbürger ("Ask not what your country can do for you, ask what you can do for your country.") Alles Forderungen, die die Amerikaner damals bewegten, sie in Bewegung setzten.

"Warum aber jetzt dieser Rückblick in die Geschichte?" werdet ihr vielleicht fragen. Wir sind ja schließlich 40 Jahre weiter im Jahre 2000 und Deutschland ist nicht Amerika. Aber einen Merksatz aus dem Geschichtsunterricht habt ihr hoffentlich im Lauf eurer Schullaufbahn beherzigt: "Wir können aus der Geschichte lernen." Wir können zum Beispiel lernen, wie andere Kulturen, andere Länder zu anderen Zeiten auf Herausforderungen reagiert haben und Schlussfolgerungen für unser Land heute ziehen.

Nun steht Deutschland am Anfang des neuen Jahrhunderts ohne Zweifel vor großen Herausforderungen, die in aller Munde und in jeder PW-Stunde sind - ob Strukturwandel in der Wirtschaft, marode Staatsfinanzen, ein Gesundheits- und Rentensystem, das nicht mehr zu finanzieren ist und, und, und... Aufgaben, die durch das Wegschauen, das Aussitzen in den letzten Jahren größer geworden sind und jetzt schier unüberwindlich wirken. Und wie stellt sich unsere politische Klasse an dieser Grenze zum neuen Jahrtausend? Wir müssen leider feststellen, dass sie nicht von dem Pioniergeist eines Kennedy getragen ist, beflügelt zu neuen Ufern strebend, die Wähler motivierend mit ihnen neue Wege zu gehen. Hierzulande, vielleicht aber wieder aus geschichtlichen Gründen, hat das Wort "Grenze" eine ganz andere Bedeutung an sich, etwas Ausschließendes (im Sinne von "Sie verlassen jetzt den amerikanischen Sektor" oder "Geh doch nach drüben!"). Grenzen sind folglich nicht zum Überwinden da, um Neues zu erschließen, sondern eher zum Ausschließen von Neuem. Heutzutage ist zwar vielfach die Rede von "Reform". Dieser Begriff wird aber meist so zerredet, dass aus Angst vor der eigenen Courage die vermeintlichen Kosten des notwendigen Wandels so lange breit getreten werden, bis die Vorteile für das Land wie auch für das Individuum außer Sicht geraten. Vom Aufbruch ins neue Millennium, das wir alle Anfang des Jahres gefeiert haben, bleibt schließlich nur die Nebelwolke des 1. Januar, die Nebelwolke eines muffigen Konservatismus.

Ich kann mich hier unmöglich auf alle Politikbereiche einlassen. Ich möchte mich dafür auf einige Felder konzentrieren, wo es um solche "neuen Grenzen" im übertragenen, aber auch im konkreten Sinne geht. Ein wichtiges Thema dieses Jahres - und ein Thema, von dem einige von euch einiges verstehen - ist der Mangel an Fachkräften in der Informationstechnologie. Woher dieses Defizit in Deutschland kommt, ist inzwischen klar. Internationale Tests belegen schon seit Jahren, dass es anderen Ländern besser gelingt, Schüler (auch ohne herausragende Begabung) in Mathematik, Informationstechnologie und in den Naturwissenschaften zu höheren Leistungen zu motivieren. Trotzdem lassen sich deutsche Schulpolitiker viel Zeit mit der Änderung der Rahmenpläne und des Unterrichts in diesen Fächern. Erst werden Modellversuche und umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen gestartet, bis die methodischen und didaktischen Konsequenzen gezogen werden. Hätte Deutschland nicht Zeit gewinnen können, wenn es einen Blick über die Grenze geworfen hätte und die erfolgreichen ausländischen Vorbilder einfach abgekupfert hätte? Aber das entspricht leider nicht deutscher Mentalität - "Achtung, Sie verlassen jetzt ...!" Und jetzt potenzieren sich diese Versäumnisse in einer nicht ausreichenden Nachfrage der Abiturienten nach Studienplätzen in den naturwissenschaftlichen Fächern. Und dann wenn die Nachfrage steigt, wie jetzt in Informatik, wird irrsinnigerweise der Numerus Clausus verhängt. Am Ende dieser Skala "begrenzten" Denkens steht der vorhin beschriebene Mangel an Informatikern und Ingenieuren in der Wirtschaft.

Aber auch die Diskussion über die erforderlichen Maßnahmen zur Behebung dieses Mangels zeugt schließlich von der Angst vor der Welt hinter der Grenze. "Green Cards" wurden als Lösung ins Visier genommen - nicht jedoch die original-amerikanische Fassung mit unbegrenzter Aufenthaltsgenehmigung, sondern die bürokratisch-deutsche Variante mit begrenzter Aufenthaltsgenehmigung, Gehaltsnachweis, Arbeitsverbot für mitreisende Ehegatten - warum nicht auch gleich Deutschprüfung und Aids-Test dazu? fragt man sich! Doch damit nicht genug: Es entwickelte sich eine Polemik gegen die Zuwanderung von hochqualifizierten Fachleuten, die schließlich in die unsägliche Parole "Kinder statt Inder" ausartete.

Dabei haben die Propagandisten die Kräfteverhältnisse verkannt: Nicht die Inder können froh sein, wenn sie nach Deutschland hineingelassen werden. Im Gegenteil, die Deutschen können froh sein, wenn die Inder kommen - in ein Land mit einer veralteten Software-Branche, mit schlechten Aufstiegschancen, mit no go areas für Ausländer! Es ist offensichtlich nicht erkannt worden, dass, wer aus wahltaktischen Gründen Hass gegen Ausländer schürt, den Wettbewerb um die besten Köpfe verloren hat. Er bezahlt es hierzulande mit einem niedrigen Wirtschaftswachstum. Er hat außerdem nicht erkannt, in welcher Weise das Land von einer Zuwanderung von Menschen aus anderen Teilen der Welt profitiert. (Er bräuchte nur die bunte Vielfalt eines Abiturjahrganges an der Martin-Buber-Schule sich anzuschauen, um sich ein Bild von der gegenseitigen Bereicherung von Menschen verschiedener Kulturen zu machen.) Irrsinnigerweise sind gerade diejenigen, die so reden, gleichzeitig die lautstärksten Verfechter der Globalisierung der Wirtschaft. Wer aber im Sinne der Globalisierung der Wirtschaft für eine Öffnung und Überwindung der Grenzen für das Kapital eintritt und dabei die Menschen draußen vor der Tür stehen lässt, ist nicht nur rücksichtslos, sondern auch dumm, denn er schadet sich und seinem Lande selber.

Meine Rede hier soll aber weniger von der Globalisierung des Kapitals als von der Globalisierung der Arbeit sein, denn ihr, die ihr hier sitzt, seid diejenigen, die mittelfristig ihre Arbeitskraft auf dem globalen Markt anbieten werden und die auch einer globalen Konkurrenz werden standhalten müssen. Ich bin ja auch viel zu sehr Fremdsprachenlehrer, als dass ich euch hier aus der Schule entlasse, ohne euch noch einige Weisheiten aus dieser Perspektive zukommen zu lassen. Es ist das Bestreben eines jeden Fremdsprachenlehrers, nicht nur Strukturen und Vokabeln zu drillen, sondern Augen, Herz und Verstand zu öffnen für die Welt hinter der Grenze - für andere Kulturen, andere Sichtweisen, andere Lebensweisen. Mich verbinden mit vielen von euch nicht nur meine Tätigkeiten als Klassenlehrer in der Mittelstufe und als Leistungskurslehrer in der Oberstufe, sondern auch ausgesprochen gelungene Reisen mit ca. 30 von euch zu unseren Partnerschulen in England und in den USA, wo wir gelernt haben, dass es diese Länder "in echt" gibt, hinter den Vorurteilen und den Hollywood-Bildern. Auch im Unterricht habe ich versucht, euch diesen Blick über die Grenze zu ermöglichen - ob beim Thema "Berlin aus der Perspektive britischer und amerikanischer Schriftsteller" oder "Die multikulturelle Gesellschaft Kaliforniens". Das ist mir auch nicht besonders schwer gefallen, denn, für diejenigen im Saal, die mich nicht kennen, ich bin natürlich auch selber ein Migrant, ein Einwanderer, der Kindheit und Jugend in England verbracht hat und erst als junger Erwachsener, kaum älter als ihr, die Grenze in eine neue, schließlich eine zweite Heimat überschritten hat. Und während ich seit langem nicht mehr der ständige Grenzgänger bin, sondern hier eindeutig Wurzeln geschlagen habe, ist meine Sichtweise naturgemäß immer noch geprägt von einem Erleben der Welt hinter der Grenze. Und das ist, meine ich, auch gut so. Denn genau wie ich von dieser andersartigen Kultur hierzulande profitiere, haben, hoffe ich, Generationen von Schülern, geschweige denn Familie, Freunde und Kollegen von meiner Andersartigkeit profitiert.

Jetzt ist es soweit, dass ihr alle - und ich meine hier ausdrücklich nicht nur die Fremdsprachler - euch auf die Reise macht in eine neue Welt, die mehr sein kann als die Pauschalreise nach Mallorca - rundum sorglos, versteht sich! Eine Reise, die euch den Menschen und ihrem Erleben, ihren Sichtweisen und ihrer Kultur näher bringt. Überwindet das begrenzte Denken mancher Politiker. Sucht Ausbildungsgänge, ob an den Hochschulen oder in der Wirtschaft, die euch Praktika oder Studienaufenthalte im Ausland ermöglichen. Entwickelt eure Sprachkompetenz fort. Lernt weitere Sprachen dazu. Seht die Überwindung von Grenzen als eine Herausforderung für euch selber an. Der Blick über den eigenen Tellerrand in fremde Kulturen ist gleichzeitig für euch selber ein Sprung über den eigenen Schatten, denn er wird euch verändern und erlaubt euch die Entwicklung von Eigenschaften, die in der engeren Heimat eventuell nicht zur Geltung kommen würden. Macht euch also im Sinne des Mottos der diesjährigen EXPO fit für die Welt, fit für die Zukunft - One World, One Future.


DIE EINZIGE

von Anette Ramisch

Ich liebe Dich! Warum glaubst Du mir nicht?
Du hast was Besseres verdient!
Quatsch, Du bist die Beste für mich. Wie kommst Du nur darauf?
Sie könnte jünger, schöner und ausgeglichener sein.
Du bist jung, du bist schön und ich finde Dich in Deiner Art ganz toll.
Ich glaube Dir. Es wäre ungerecht zu behaupten, daß ich Deine Liebe nicht spürte.
Mein Leben lang habe ich Dich gewollt. Nun ist es gut.
Trotzdem, Du verdienst was Besseres.
Na gut, wenn Du meinst, dann mußt aber Du mir die Andere suchen.

Anzeige: Suche für meinen Freund, den ich über alles liebe, eben darum, die richtige Frau. Er ist liebevoll und leidenschaftlich. Du solltest in Deiner Persönlichkeit sehr interessant sein.
Stichwort: Total

Was machst Du da?
Ich schreibe eine Anzeige.
Was annoncierst Du?
Ich suche eine Frau für Dich.
Warum denn nur?
Ich liebe Dich so sehr, dass ich Dir nur das Beste wünsche. Ich kenne mich und meine Schwächen und wo das hinführen kann. Das möchte ich nicht.
Kann ich bitte entscheiden, wen ich liebe. Was ist wirklich los mit Dir?
Ok, ich gestehe, daß ich eine totale Angst habe Dich zu verlieren. Nicht weil ich denke, Du würdest gehen, was natürlich auch passieren kann, sondern es könnte Dir auch etwas zustoßen. Ich kann es nicht ertragen Dich zu verlieren, deshalb will ich das aktiv steuern- auch wenn es mir das Herz zerreißt.
Ich kann Dir nicht versprechen, dass ich Dich nicht eines Tage verlasse, doch ich bitte Dich: Bleib' bei mir!
Ich bleibe.- Bin ich die EINZIGE auf der Welt, die sich solche Themen stellt?
Nein ich glaube nicht. Alle Welt hat Angst von dem Verlassenwerden.
Meinst Du wirklich? Jedoch eines steht fest, ich liebe Dich.


Ein Weihnachtsgedanke

von Andrea M. Krüger

Draußen ist es kalt, der Wind weht durch der Menschen Gesichter und hinterlässt Eisblumen an den beschlagenen Fenstern. Der Winter hat begonnen und bald ist es Weihnachten. In allen Schaufenstern blitzt und funkelt es. Leuchtende Kinderaugen stehen vor den Weihnachtsbuden und bestaunen den Weihnachtszauber, den man kaufen kann. Fast allen Menschen geht es gut, doch sind sie schlecht gelaunt, denn in ihrem Weihnachtsrausch haben sie den eigentlichen Gedanken des Weihnachtsfestes vergessen. Es sind nicht die leuchtenden Bäume in den Häusern, nicht die Lichter der Straßen, die dieses Fest zum Fest machen, doch das scheint vergessen.

Es ist der Gedanke an alle Menschen dieser Welt. Es ist die Besinnung auf das, was wir haben, auf das, was wir teilen können, denn den meisten Menschen geht es doch sehr gut. Doch manche Menschen haben an Weihnachten nicht einmal eine warme Mahlzeit und gerade diese Menschen haben an Weihnachten unsere Aufmerksamkeit verdient. Ist es doch die Zeit, in der die Herzen leuchten sollen, die Zeit in der man seine Menschlichkeit auch Fremden mit einem herzlichen Lächeln zeigen kann.

Sollten wir unseren Kindern diese Werte nicht vermitteln und statt sie mit endlosen Geschenken zu überhäufen, wenn sie meist eh schon alles oder vieles haben?

Wir sollten uns besinnen, teilen und mit den Menschen feiern, die uns nahe sind, und mit Menschen teilen, die weniger haben als wir selbst.

Selbst wenn man es sich selbst nicht leisten kann zu teilen, so kann man wenigstens ein herzliches Lächeln schenken und seinen Mitmenschen zu dieser Jahreszeit ein offenes Herz und Ohr schenken.

Weihnachten ist nicht der Tag des Konsums, sondern der Tag der Nächstenliebe. Was sind schon all die Geschenke wert, wenn man sie niemandem geben kann, den man liebt?

Vergessen wir das nicht, sonst geht Weihnachten noch verloren. 


Nicht alleine?

von Andrea M. Krüger

Zusammengekauert sitzt sie in einer Ecke, das Licht aus, die Stille scheint sie zu verschlingen. Still weint sie in sich hinein. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Alles ist kaputt, sie ist kaputt. Gebrochen von einem Menschen, den sie nicht kannte. Alles tut ihr so weh. Sie sitzt nur da und weint. Kein Mensch würde sie verstehen, niemand könnte ihr helfen.

Ihre Träume - tot.

Ihre Lebenslust - tot.

Wieso nur gerade sie ? Wieso nur musste sie so leiden? Wieso gibt es so grausame "Menschen"?

Er hatte sie einfach gepackt und hinter sich hergezerrt. Er hatte sie einfach mitgeschleift. Es war ihm egal, wer sie war. Sie hatte keine Möglichkeit zu entkommen. Sie war wie versteinert. Selbst ihre Schreie waren nur noch ein jämmerliches, klägliches Fiepen, denn sogar ihre Stimmbänder waren versteinert.

Stück für Stück hatte er ihre Seele etwas mehr zerfetzt, ihren Willen gebrochen, sie zutiefst verletzt. Er hatte sie missbraucht. Sie konnte sich nicht wehren, sie ließ es einfach über sich ergehen. Sie konnte nicht einmal weinen.

Dann war er fort.

Sie lag einfach nur da, dann fing sie an zu weinen. Ein Schreien durchzog ihre Tränen. Sie verstand nichts. Sie war wie besinnungslos und suchte ihre Kleidung zusammen. Sie versuchte ihre Jacke zu schließen, doch sie zitterte zu sehr um dies zu schaffen. Sie weinte noch mehr. Weinte so sehr, dass sie alles verschwommen sah.

Sie wollte nur noch nach Hause. Niemand hatte sich um ihre Schreie gekümmert, niemand hatte ihren Tränen Aufmerksamkeit geschenkt. Sie lief an den Menschen vorbei, nur mit dem Ziel nach Hause zu kommen. All die Menschen, an denen sie vorbeilief, senkten beschämt den Kopf und gingen achtlos weiter.

Sie schloss die Tür hinter sich, ganz oft drehte sie den Schlüssel um, selbst als er am Anschlag war, wollte sie ihn noch weiter drehen, bis sie es aufgab. Sie lies das Licht aus, sie konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Sie sackte hinter der Tür zusammen und weinte. Sie schrie - innerlich. Schmerzen durchzogen ihren ganzen Körper.

Selbst als sie wieder zur Arbeit kam, es bemerkte niemand etwas. Niemand wollte etwas bemerken.

Ihr Gesicht war noch verletzt und einen Arm konnte sie nicht richtig bewegen. Doch wenn sie jemand fragte, was denn passiert sei, dann war sie nur die Treppe hinuntergefallen.

Jeder gab sich mit dieser Antwort zufrieden. Sie war ganz alleine - gelassen. Jeden Abend, wenn sie nach Hause kam, saß sie einfach nur da. Sie hatte keine Freunde mehr, sie saß einfach nur da und weinte. Die Schmerzen waren, auch nach Monaten, einfach zu groß. Manchmal kauerte sie auch in einer Ecke, das gab ihr Sicherheit. Dann fühlte sie sich nicht so ausgeliefert. Schlafen konnte sie nicht mehr richtig, nur weinen, das konnte sie. All ihr Schmerz, er zerfraß sie. Sie konnte einfach nicht mehr weitermachen. Erst nach Jahren des Leidens suchte sie Hilfe, doch diese kam zu spät. Sie nahm die Schlaftabletten, die der Arzt ihr verschrieben hatte. Sie schluckte sie, während sie weinend in einer Ecke kauerte.

Sie kam nicht mehr zur Arbeit, und als einmal jemand fragte, da hat man ihm gesagt, dass sie sich umgebracht hatte. Dann verstummte er und zuckte die Schultern.

Aber das hat sie doch gar nicht!