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Erfahrungsberichte

Sara Hausdörfer

So unterschiedlich und vielfältig, wie die Menschen, die man am Berlin Kolleg trifft, so verschieden und zahlreich sind wohl auch die Motivationen, die erwachsene Menschen dazu bewegen einen Teil des bisherigen Lebens aufzugeben und einen ganz neuen Weg einzuschlagen.

 

Mich selbst trieben zum einen das Gefühl, dass ich in meinem Lehrberuf nicht glücklich werden würde und daher auch nicht in diesem Beruf alt werden wollte, und zum anderen ein unbestimmter Wunsch nach mehr, an diese Einrichtung des zweiten Bildungswegs.

Im Gegensatz zu vielen anderen, kam ich ohne festen Plan an die Schule. Was nach den drei Jahren werden sollte wusste ich nicht, studieren vielleicht - aber was? Nur eins war klar: erst mal Abitur machen!

 

Vier Jahre nach meiner Aufnahmeprüfung und ein Jahr nach meinem Abitur sehe ich zurück und weiß, diese Zeit war ein Geschenk, in vielerlei Hinsicht:

 

  • Ich erlebte Vielfalt, durch die Begegnung mit Menschen und ihren Biografien, die so anders als meine eigene waren.
  • Mein Horizont erweiterte sich, indem ich mich mit Themengebieten auseinandersetzten musste, die mich vorher so gar nicht zu interessieren schienen.
  • Ich lernte eine motivierte Art des Lernens kennen, die meinen Wunsch zu studieren bestätigte.
  • Ich durfte mir Schwerpunkte setzten, mich ausprobieren und mit Dinge beschäftigen, für die  im Berufsleben nie Zeit vorhanden war.
  • Ich habe Menschen getroffen, die mir zu Freunden wurden, auf die ich nicht mehr verzichten möchte.
  • Ich habe Zeit geschenkt bekommen meine Vorstellung vom Leben, meine Ziele zu überdenken und neue Pläne zu schmieden.

 

Inzwischen studiere ich Politik-, Literatur- und Religionswissenschaften, Fächer, die teilweise erst am Berlin Kolleg mein Interesse gewonnen haben.

Was auch immer das Studium und das Berufsleben danach bringen mag, möchte ich die Zeit am Berlin Kolleg nicht missen und würde diesen Weg immer wieder wählen.

 

 

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Stefan Grambow

 

Kurvendiskussionen, Kreuzreime oder der für Spanischlernende berühmt-berüchtigte Subjuntivo, - Begriffe, die in meinem früheren Malerdasein nur Verwirrung stiftend und sicher für jede Menge Fragezeichen gesorgt hätten. Dabei sind es eben diese Fragezeichen, die übrigens nicht nur durch ihre Gestalt selbst (?) die kurvige Diskussion beleben, sondern es sind Stellvertreter und Platzhalter für Wissenslücken, die man, ist man nur ehrlich genug, doch gern geschloßen sehen will.

Doch wie kommt ein Maler auf die Idee sein Abitur nachzuholen und ebenso wichtig, wie übersteht man drei Jahre erneute Schulzeit?

Die Idee (und damit die Motivation zu einer Veränderung) kam mir, als ich mitten im Winter - es waren gemütliche 10 Grad unter Null - auf einem Baugerüst in einem Berliner Quartier meiner Arbeit nachging. Alle Menschen saßen in ihren warmen Wohnstuben, tranken Tee oder versanken in scheinbar oder offenbar faszinierender Lektüre.

Nur der Maler nicht, der Obacht zu geben hatte, nicht am Stahlgerüst fest zufrieren. Auch konnten ihn die Sprüche seiner geschätzten und eloquenten Kollegen nicht erwärmen, die sich zumeist an Passantinnen richteten, die das Baustellenrevier noch in einigen Dekametern querten (das Wort Revier habe ich natürlich bewusst gewählt). Spätestens dann fragte ich mich, ob ich nicht doch etwas anderes würde leisten können.

 

Von einem ehemaligen Klassenkameraden erfuhr ich dann vom Berlin-Kolleg. Und so nahm das Schicksal meinen Lauf. BAFÖG!!! Elternunabhängig und nicht als Kredit, - das hörte sich gut an! Außerdem keine kalten Hände mehr, und die Passantinnen waren nun Sitznachbarn! Aber es hieß auch zu lernen. Der Vorkurs war schnell geschafft und frischte die einst gelernten Kenntnisse auf. Die anschließende einjährige Einführungsphase bot ein breites Spektrum an Wahlmöglichkeiten. So entschied ich mich z.B. für Spanisch als zweite Fremdsprache, da diese für mich seinen Reiz hat und nebenbei das allgemeine Sprachniveau einer Klasse anfänglich recht niedrig ist; ich hätte auch Französisch oder Latein wählen können. Dies gab mir Hoffnung und Anreiz zugleich, diese Sprache auch in den zwei folgenden Jahren in der Kursphase als einen der zwei zu belegenen Leistungskurse (LK) zu wählen. Mein zweiter LK war Physik, nun ja.

Über kurz oder lang hatte ich mein Abi in der Tasche (2003) und das war ja mein Ziel. Besonders gut gefiel mir, das Abitur nicht nach der Arbeit machen zu müssen und den Nachmittag im allgemeinen auf das Lernen beschränken konnte. Ich kann positiv hervorheben, dass eine gleichberechtigte Kommunikation auf Augenhöhe mit großen Teilen der Lehrerschaft durchaus möglich ist, wie es meiner Meinung nach an einem Institut für Erwachsenenbildung auch zu sein hat.

 

Rückblickend und zusammenfassend gesagt war meine Zeit auf dem BK eine gute und perspektivisch gesehen auch vernünftige Entscheidung, Grundstein für weiteres Lernen/Lehren sowie neuen Freundschaften.

 

Lernst was, kannst was.

Kannst was, wirst was.

Wirst was, bist was.

Bist was, hast was.

 

                                                                                                                     

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Selcuk Yazici

Mein Name ist Selcuk Yazici. Ich bin 2001 mit 23 Jahren an das Berlin Kolleg gekommen und habe mein Abitur im Jahre 2003 absolviert. Ich habe die Allgemeine Hochschulreife in zwei Jahren erlangt, weil mir meine Fachhochschulreife im Bereich Holztechnik als 11. Klasse anerkannt wurde. Somit wurde mir der sofortige Einstieg in das Kurssystem gewährt (kein Vorkurs, keine Einführungsphase).

 

Als Leistungskurse wählte ich Mathematik und Physik. Hier und in den anderen naturwissenschaftlichen Fächern fiel mir der Quereinstieg nicht sehr schwer, da ich während meines Fachabiturs gezielt in diesen Fächern unterrichtet wurde. In den anderen Fächern (z.B. Englisch, Deutsch etc.) hatte ich eher Schwierigkeiten, da mir die Kenntnisse aus der E-Phase fehlten. Der Vorsprung war aber schnell aufzuholen.

 

Die Zeit am Kolleg ging schnell vorüber und durch die Vielschichtigkeit der Kollegiaten (Alter, Herkunft, Lebenserfahrung etc.) dauerte es auch nicht lange, um interessante Kontakte zu knüpfen und Freunde zu finden. Das Durchschnittsalter der Kollegiaten in meinem Jahrgang belief sich auf etwa 25 Jahre.

 

Vor meiner Zeit am Kolleg habe ich eine Tischlerlehre gemacht. Mir war aber schnell klar, dass ich später nicht mein ganzes Leben lang als Tischler arbeiten wollte. Deshalb habe ich mich entschlossen, zunächst einmal das Fachabitur zu machen. Am OSZ Holztechnik wurde ich dann von meinem dortigen Mathelehrer inspiriert und seitdem wollte ich Lehrer werden.

 

Durch Zufall bin ich dann an das Berlin Kolleg geraten, denn die Eltern meiner Freundin (beide Lehrer) machten mich auf das Institut zur Erlangung der Hochschulreife aufmerksam. Ich vereinbarte einen Termin und ließ mich beraten. Der Entschluss stand fest und meldete mich zum Sommer 2001 an.

 

Jetzt bin ich 28 Jahre alt und befinde mich im Bachelor/Master Studiengang mit Lehramtsoption an der Humboldt-Universität mit der Fächerkombination Mathematik und Sport im 4. Semester. Meine Kommilitonen an der Uni sind zwar im Schnitt ca 7 Jahre jünger als ich; dennoch bin ich froh, dass ich meine zweite Chance genutzt habe.

 

 

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 Peer Gebert

Anfang der 1990er hatte ich mich schon über Jahre mit dem Wunsch getragen, am BK mein Abi nachzumachen. Dieses wurde bei uns in der Familie langsam zur Tradition. Bevor meine Mutter ihr Biologiestudium aufnahm, hatte sie auch am Berlin Kolleg in den 1980ern ihr Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg nachgeholt und von dieser Zeit stets als "beste Zeit in ihrem Leben" geschwärmt. Besonders von der ehemaligen Rektorin Helga Sauerbrey war sie sehr angetan. Mathe bei ihr sei phänomenal und genial gewesen. 

 

Beim BK gab es Anfang der 1990er Jahre offenbar lange Wartelisten und es war schwer gewesen, dort einen Platz zu bekommen. Ich bekam in einem Informationsgespräch deutlich signalisiert, dass im Augenblick nichts zu machen sei, wenn ich auf eine baldige Zusage für einen Platz spekulieren würde. Dies führte dazu, dass ich lange Zeit das Thema BK aus den Augen verlor und andere Prioritäten setzte.

 

Die Vertriebsarbeit in einem Großhandel für Tonträger und Videos und das dortige Arbeitsklima waren nicht so berauschend, dass ich dort lange Zeit verbringen wollte. Also fragte ich mich wieder einmal an, ob es Sinn machen würde, sich zu bewerben, um das Abi nachzuholen. Zu meinem Erstaunen rannte ich offene Türen ein und bekam sofort einen Platz. Dies war im Jahr 1994.

 

Die Vorkurse bereiteten mich optimal auf die E-Phase vor. Ich lernte, dass Mathe Spaß machen konnte und systematisch erlernbar ist. Mathematik wurde von einem Lehrer erteilt (dessen Namen ich leider nicht mehr erinnere) der Physiker war und mit pädagogischer Brillanz systematisch Einsicht in die Welt der Binome und Variablen vermittelte. Wie gesagt, die Sache fing an, Spaß zu machen. Ich hörte, er sei später an eine Gesamtschule gegangen. Meiner Meinung nach ein echter Verlust für das BK und ein Gewinn für jene Gesamtschule.

 

Die Zeit in der E-Phase war für mich die Zeit, die ich mit Abstand als "beste Zeit" beschreiben kann. Dies ist zwar einerseits übertrieben, da man aus der gegenwärtigen Perspektive immer dazu neigt, die Vergangenheit zu glorifizieren. Andererseits trifft es einen bestimmten Punkt sehr genau. Ich hatte Zeit zu lernen und Zeit, mit Muße das Gelernte zu vertiefen, da ich Geld vom Staat bekam und mich erinnere zumindest im ersten Semester keine Noten erlitten zu haben. Aus heutiger Sicht ein echter Luxus!

Ich denke gern an PW bei Margret Sühling. Sie demonstrierte mit ihrer Stringenz und Klarheit, dass PW kein BlaBla-Fach sein muss, sondern eine Disziplin mit hohem Anspruch ist, welche das Verständnis über historische Zusammenhänge vertieft und das Denken erweitert.

Ich erinnere mich gerne an den interessanten Deutschunterricht von Helmut Schmitz und auch an Spanisch bei Georg Galle, dessen pädagogisches Engagement mich bis in die Uni-Zeiten der spanischen Sprache gegenüber haben treu bleiben lassen, auch wenn ich später auf wesentlich weniger begabte Lehrer und Dozenten traf.

 

In der Kursphase zog der Leistungsdruck deutlich an. Vor diesem Hintergrund machte ich ein Abi mit nach heutigem Maßstab für mich geringen Herausforderungen: 1. Leistungskurs Englisch (hatte ich schon seit der Grundschule), 2. Kurs Deutsch (war ich schon immer gut drin), mündliche Prüfung in Bio (war das beste aller naturwissenschaftlichen Übel), Schriftliche in PW. Ich bewegte mich als auf vertrautem Terrain. Es gab ein breitgefächertes, attraktives Angebot, von dem ich bewusst Abstand hielt. Mich hätte durchaus "Schauspiel" oder der Kurs "Kunst-Theorie" interessiert oder gar das Fach "Psychologie". All dies sparte ich aus. Klar entschieden wollte ich es mir so einfach wie möglich machen, mich nicht verstricken. Schließlich war ein gewisser Notendruck durch die anderen Fächer gegeben und ich wollte meine Ressourcen schonen.

Diese Strategie erwies sich als richtig und ich begegnete ihr später in meinem BWL-Studium erneut unter dem Begriff der "Fokussierung auf Kernkompetenzen", was bedeutet, dass man das macht, was man gut kann, auch wenn andere Dinge schillernder und spannender erscheinen. Immerhin wurde im Deutschkurs von Monika Borth literarisch viel diskutiert - was mir gut liegt - und eine nette lockere Atmosphäre der Kooperation und Offenheit war stets deutlich spürbar. Ich bin überzeugt, dies ist maßgeblich ihrem freundlichen Führungsstil als Deutschlehrerin zu verdanken.

 

Das einzige exotische "Extra-Bon Bon", das ich mir gönnte, war der Philosophie-Kurs bei Manfred Zimmermann. Die Teilnahme daran veränderte durch die Beschäftigung mit dem "Nachdenken über das Denken" in weiten Teilen meine Bewertung der Dinge. Seitdem bemühe ich mich, der Sache konsequent auf den Grund zu gehen. Es gibt so vieles, das man sprachlich und gedanklich wiederkäut, ohne sich klar zu machen, was es eigentlich bedeutet.

Ein netter Nebeneffekt dieses Kurses war, dass ich dort den Scharfsinn und das philosophische Talent jener Dame kennen lernte, deren Weg sich später nach dem BK wie zufällig immer wieder mit dem meinen kreuzte und die schließlich meine Ehefrau wurde. Wir haben im Mai 2005 geheiratet und sind sehr glücklich miteinander.

 

Wie gesagt, Druck wurde mit Eintritt in die Kursphase stärker wahrnehmbar. Dies machte zwar weniger Spaß, vermittelte aber ein durchaus realistisches Bild dessen, was in bestimmten Arbeitsfeldern moderner Dienstleistungsindustrie erwartet wird.  Ich nenne es das "Schieb-Die-Diskette-In-Den-Kopf-Rein-Ratter-Ratter-Erzeuge-Output-Zieh-Die-Diskette-Aus-Dem-Kopf-Tu-Eine-Neue-Rein-Phänomen". Dabei geht es nicht um das klassische Ideal der Bildung eines umfassenden und tiefgehenden Verständnisses. Sondern, es geht um die Identifizierung von Problemen und deren knappe Analyse. Letztlich soll eine Problemlösung modelliert werden - und das bitte möglichst schon gestern, nicht erst heute. Wenn es geht, bitte im Sekundentakt - aus Kostengründen.  Aus dieser Perspektive war das damalige BK eine Einrichtung, die im Kurssystem tendenziell zeigte, wo es lang ging und was zu erwarten war.

Dass machte, wie eingangs erwähnt zwar weniger Spaß, aber ich lernte, schneller zu denken und mich noch besser auf mein Urteil zu verlassen. Ich entfaltete noch mehr die Fähigkeit, auch in stressigen Situationen unter Druck, einen klaren Kopf zu bewahren. Dies kommt mir in meinem heutigen Leben in vielen Situationen zu gute.

Wenn ich Bilanz ziehe, möchte ich abschließend sagen, dass die Erfahrung "Berlin Kolleg" zu den wirklich wichtigen Eindrücken meiner Biografie gehört. Als ich dann nach dem BK auf diese Zeiten zurückschaute und ich an den dachte, der ich gewesen war, bevor ich zum BK kam, merkte ich, dass ich ein wenig jemand anderes geworden war. Jemand, der mir besser gefiel.