RAHMENPLAN GESCHICHTE
"Innerhalb der verschiedenen Zeiten der Geschichte zeigen sich die langen Zeitabläufe als eine schwierige Größe. Alle Stufen der Geschichte, alle ihre tausend Stufen, alle diese tausend Lichtblitze historischer Zeit kreisen um sie."
(Fernand Braudel (1902-1985), französischer Historiker)
Das Fach Geschichte soll leisten, was eigentlich unleistbar ist, zunächst "tausend Stufen, alle diese tausend Lichtblitze historischer Zeit" betrachten und anschließend Erkenntnisse für Haltungen und Handlungen für die Gegenwart erarbeiten. Aus diesem Grund müssen und können hier an Hand des vorgegebenen Rahmenplans (nur) strukturfassende Fragen formuliert werden, so wie es die historische Wissenschaft in einem ständigen Prozess um eine Erweiterung der Kenntnisse und des Verstehens vom Fach verlangt, nichts ist sicher, so lange es nicht bewiesen ist, und alles darf und soll (hinter)fragt werden. Selbstverständlich schließt diese Herangehensweise die Einbindung weiterer, vor allem die der als Kulturwissenschaften bekannten Disziplinen ein und ein gemeinsames Planen, Denken und Organisieren in den Kursen ist ausdrücklich notwendig.
Im Gegensatz zum Fach PW muss das Fach Geschichte mehr als drei Jahrtausende historischer Ereignisse und deren Uraschen und Folgen reflektieren, und das im selben Semesterzeitrahmen. Um ein annähernd brauchbares Gerüst als pragmatisches Handlungsinstrument zur Verfügung zu haben, kreisen alle Problemstellungen in allen Semestern deswegen immer um die Fragen "warum", "wie", "was" - oder anders formuliert: Warum verhielt sich die Frau, der Mann in ihrer/seiner Epoche so, wie sie/er sich verhalten hat und was lässt sich daran für die Gegenwart erkennen und erklären?
Programm (Geschichte) für das erste Semester (Q1)
Inhaltlicher Schwerpunkt
wird die Betrachtung des europäischen Mittelalters bis zum Beginn der Frühen Neuzeit sein. Die Herausbildung der mittelalterlichen Ständegesellschaft, die Bedeutung des christlichen Glaubens in seiner identitäts- und gesellschaftsprägenden Allgegenwärtigkeit sowie die Entstehung der Städte als >Keimzellen< modernen Denkens stehen dabei im Vordergrund.
Darüber hinaus bietet es sich an, andere sozial- und kulturgeschichtliche Frage- und Problemstellungen je nach individuellem und (Gruppen)Interesse zu erarbeiten und u.U. fortlaufend und zunehmend semesterübergreifend vergleichend zu betrachten (z.B. Angst und Tod, Verbrechen und Vergehen, Lust und Sexualität, Religion und Realitätssinn, Freizeit und Spaß, Kultur und Unterdrückung, Mobilität und Enge).
Thematische Längsschnitte, fachlich zulässige Vergleiche und Aktualitätsbezüge sind ausdrücklich erwünscht.
Nach Interesse können selbst verständlich Exkursionen, Museums- und Theaterbesuche gemeinsam vorbereitet und durchgeführt werden.
Pflichtbereich 1
Herrschaftsbildung und Herrschaftsorganisation im Mittelalter
Wie und warum konnten sich im frühen Mittelalter nach dem Zerfall des Römischen Reiches in Zentraleuropa Herrschaftsstrukturen herausbilden, die in den folgenden Jahrhunderte nicht in Frage gestellt wurden? Welche Rolle spielten dabei Begriffe wie die Grundherrschaft und das Lehnswesen?Wie wurden Herrschaft und Herrschaftsausübung im Mittelalter verstanden?
Pflichtbereich 2
Das Verhältnis von Staat und Kirche
Wie und warum spielten sich >Staat< und Kirche manchmal erfolgreich, manchmal konkurrierend in der Herrschaftsausübung in die Hände? Was glaubte der Mensch im Mittelalter, was wusste der Mensch im Mittelalter und warum bedeuteten Glauben und Wissen oft dasselbe? Welche Bedeutung hatte in diesem Kontext der christliche Glauben (die Kirche als moralische Glaubenshüterin und ideologisches Herrschaftsinstrument - die abtrünnigen Ketzer und >sinnlichen< Päpste, der >Diesseitsschrecken Leben< und die >Jenseitshoffnung Erlösung<)?
Pflichtbereich 3
Die Stadt
Warum werden die Städte die >Keimzellen< der Moderne? Wie funktionierte eine Stadt im Mittelalter? Was organisierte der Mensch in einer mittelalterlichen Stadt seinen Alltag und wie lebte er dort?
Pflichtbereich 4
Der Einzelne und die Gesellschaft
Was verändert sich durch die Entdeckungen und die Reformation in der Gesellschaft und im Denken des Menschen? Was wollten die großen Humanisten und Fortschrittsdenker der Renaissance erreichen und welchen Erfolg hatten sie damit? Wie und warum entdeckte sich der Mensch im späten Mittelalter in der Politik, Kunst und Kultur neu und schaffte den Einstieg in die >moderne< Welt?
Programm (Geschichte) für das zweite Semester (Q2)
Inhaltlicher Schwerpunkt
wird die Betrachtung der Entstehung der frühmodernen Welt sein. Die Herausbildung der absolutistischen Staaten (Frankreich und Preußen), die Bedeutung des Krieges zur Durchsetzung nationaler Interessen, das Aufbegehren und die Emanzipation der Bürger (Amerika, Frankreich, England, Preußen) gegen überholte obrigkeitsstaatliche Verfassungen stehen dabei im Vordergrund. Darüber hinaus bietet es sich an, andere sozial- und kulturgeschichtliche Frage- und Problemstellungen je nach individuellem und (Gruppen)Interesse zu erarbeiten und u.U. fortlaufend und zunehmend semesterübergreifend vergleichend zu betrachten (z.B. Angst und Tod, Verbrechen und Vergehen, Lust und Sexualität, Religion und Realitätssinn, Freizeit und Spaß, Kultur und Unterdrückung, Mobilität und Enge).
Thematische Längsschnitte, fachlich zulässige Vergleiche und Aktualitätsbezüge sind ausdrücklich erwünscht. Nach Interesse können selbst verständlich Exkursionen, Museums- und Theaterbesuche gemeinsam vorbereitet und durchgeführt werden.
Pflichtbereich
Die Entwicklung des modernen Staatswesens
Warum und wie entwickelten sich absolutistisch regierte Monarchien?
Was unterschied die Entwicklung in Frankreich von der in Preußen und warum - der absolutistische >Sonnenkönig< (Ludwig XIV.) gegen den aufgeklärten >Kriegstreiber< (Friedrich II.) - Klischee, Vorurteil, pragmatische Einschätzung? Wie und warum wurde frühmodernes Staatsdenken notwendig, "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf" (Thomas Hobbes), kollektive soziale Verwahrlosung und kollektives Individualitätserkennen des Menschen als Antipoden des 17. und 18. Jahrhunderts? Wie wirkte sich die Aufklärung auf die Gesellschaftsentwicklung aus, "Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen" (Immanuel Kant) als Auslöser der >Gelehrtenrepublik<? Warum und wie kam es zur Französischen Revolution - nahm der >einfache Mensch< endlich sein Schicksal in die Hand und war er erfolgreich? Wer waren die Gewinner der Revolutionen in Frankreich, Amerika und Preußen und warum musste es so kommen?
Programm(Geschichte) für das dritte Semester (Q3)
Inhaltlicher Schwerpunkte
werden die Betrachtungen der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus unter besonderen historischen Frage- und Problemstellungen sein. Dabei kann ab diesem Semester inhaltlich und strukturell etwas kleinschrittiger als in den Semestern zuvor verfahren werden, so dass auch konkrete Ereignisgeschichte (Zahlen, Daten, Fakten) stärker zum Tragen kommt. Darüber hinaus bietet es sich an, andere sozial- und kulturgeschichtliche Frage- und Problemstellungen je nach individuellem und (Gruppen)Interesse zu erarbeiten und u.U. fortlaufend und zunehmend semesterübergreifend vergleichend zu betrachten (z.B. Angst und Tod, Verbrechen und Vergehen, Lust und Sexualität, Religion und Realitätssinn, Freizeit und Spaß, Kultur und Unterdrückung, Mobilität und Enge). Thematische Längsschnitte, fachlich zulässige Vergleiche, historische Rück-, aber auch Aktualitätsbezüge sind ausdrücklich erwünscht.
Nach Interesse können selbst verständlich Exkursionen, Museums- und Theaterbesuche gemeinsam vorbereitet und durchgeführt werden.
Pflichtbereich 1
Weimarer Republik - Aufbau und Scheitern der ersten deutschen Demokratie
Neben anderen muss folgenden Frage- und Problemstellungen nachgegangen werden:
Welche Konsequenzen hatte die Niederlage des Ersten Weltkrieges auf die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland und warum? Welchen ereignisgeschichtlichen Verlauf nahm Deutschland in den Jahren zwischen 1918 und 1933? Welche wesentlichen innen- und außenpolitischen ereignisgeschichtlichen Phänomene, Problem- und Konfliktstellungen beeinflussten die Gestaltung der ersten deutschen Republik und wie wirkten sie sich auf die Akzeptanz der Republik und auf republikanisches Denken aus? Welchen Einfluss hatten ökonomische Prozesse (Inflation, Weltwirtschaftskrise) auf die Entwicklung der Akzeptanz der Republik und auf republikanisches Denken und warum? Wie und warum konnte sich eine Gesellschaft auf diese Weise so schonungslos politisch zwischen >Rechts und Links< radikalisieren und polarisieren? Warum und woran ist der >erste deutsche Republikversuch< gescheitert?
Pflichtbereich 2
Nationalsozialismus
Neben anderen muss folgenden Frage- und Problemstellungen nachgegangen werden:
Welche Konsequenzen hatten die Jahre 1930-1933 auf die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland und warum? Welchen ereignisgeschichtlichen Verlauf nahm Deutschland in den Jahren zwischen 1933 und 1945? Welche wesentlichen innen- und außenpolitischen ereignisgeschichtlichen Phänomene, Problem- und Konfliktstellungen nutzte das NS-Regime für die Etablierung seiner Terror- und Gewaltherrschaft? Wie und warum spielten sich die NS-Ideologie von Rassismus und Antisemitismus mit der Ideologisierung, den verschiedenen Propagandastrategien und politischer Indoktrination bei der Herrschaftsausübung erfolgreich in die Hände?
Wie waren Formen des Widerstandes, der Resistenz und des zivilen Ungehorsams organisiert und warum waren sie im Ergebnis so wenig erfolgreich?
Wie und warum (Motiv und Zweck) organisierte der NS-Staat die Verfolgung von gesellschaftlichen, religiösen und ethnischen Minderheiten?
Wie und warum organisierte der NS-Staat den Holocaust und warum ist dieser in seiner historischen Bedeutung bis heute singulär und ohne Vergleich?
Programm (Geschichte) für das vierte Semester (Q4)
Inhaltlicher Schwerpunkt
wird die Betrachtung der deutschen Geschichte nach 1945 unter besonderen historischen Frage- und Problemstellungen sein. Dabei kann auch in diesem Semester inhaltlich etwas kleinschrittiger verfahren werden, so dass auch hier konkrete Ereignisgeschichte (Zahlen, Daten, Fakten) stärker zum Tragen kommt.
Darüber hinaus bietet es sich an, andere sozial- und kulturgeschichtliche Frage- und Problemstellungen je nach individuellem und (Gruppen)Interesse zu erarbeiten und u.U. fortlaufend und zunehmend semesterübergreifend vergleichend zu betrachten (z.B. Angst und Tod, Verbrechen und Vergehen, Lust und Sexualität, Religion und Realitätssinn, Freizeit und Spaß, Kultur und Unterdrückung, Mobilität und Enge).
In diesem Abschlusssemester werden die thematischen historischen Längsschnitte eine besondere Rolle spielen, um nicht nur zu tragfähigen historischen Erkenntnisse zu gelangen, sondern auch die Kompetenz des problemorientierten historischen Arbeitens und Problematisierens zu schulen.
Nach Interesse können selbst verständlich Exkursionen, Museums- und Theaterbesuche gemeinsam vorbereitet und durchgeführt werden.
Pflichtbereich
Deutschland nach 1945
Neben anderen muss folgenden Frage- und Problemstellungen nachgegangen werden:
Welchen ereignisgeschichtlichen Verlauf nahm die deutsche Geschichte seit 1945 bis in die Gegenwart? Welche wesentlichen innen- und außenpolitischen ereignisgeschichtlichen Phänomene, Problem- und Konfliktstellungen prägten die deutsche Geschichte nach 1945? Welchen Einfluss hatten der Kalte Krieg und die jeweilige sozialpolitische Ideologisierung in den beiden deutschen Staaten zwischen 1949 und 1989 für die Herausbildung von Mentalitäten, Vorurteilen und Klischeedenken der Deutschen in der Bundesrepublik und DDR und warum?
Wie sahen Alltagsorganisation und Alltagsdefinitionen und daraus resultierende Wert-, Moral- und Politikvorstellungen und in den beiden deutschen Staaten zwischen 1949 und 1989 aus und warum? Welche Problem- und Konfliktstellungen ergaben sich daraus für den Einigungsprozess 1989? Wie und warum entwickelte sich ein >Sonderfall Berlin<? Wie und warum scheiterte das >Modell DDR< und wie war der Weg zurück in die >deutsche Einheit< organisiert?
Pflichtbereich 2 und 3 (mindestens einer muss bearbeitet werden)
Lebenswelten im historischen Längsschnitt
Bei diesen Längsschnittthemen sind die KursteilnehmerInnen aufgefordert, sich selbstständig und selbstorganisiert inhaltliche und formale Schwerpunkte zu setzen.
A) Geschichte der Juden von der Frühen Neuzeit bis heute in Deutschland
B) Wendepunkte deutscher Geschichte - Einheit und Freiheit
(1848 - 1918, 1945/49 - 1989/90)