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Kreatives Schreiben (Ergänzungskurs Deutsch - 1. Semester)
... wird seit 1999 jeweils im 1. Kurshalbjahr angeboten und knüpft an eine lange Tradition am Berlin-Kolleg an. Seit den 70er Jahren gab es bereits die AG "Selber Schreiben", noch bevor der Begriff "Schreibkompetenz" in aller Munde war und an den Universitäten zunehmend Schreibkurse eingerichtet wurden. Die Zielsetzung des Kurses, wie er heute besteht, ist folgende:
Erweiterung der Schreibfähigkeit
Beim Verfassen eigener Texte werden kreative Möglichkeiten freigelegt und Schreibblockaden abgebaut. Eigene Interessen und Erfahrungen können eingebracht und gestaltet werden. Die größere Freiheit bezüglich der Sprachebenen und -stile kann als Lockerungsübung für das Schreiben allgemein begriffen werden. Gleichzeitig wird die Sensibilität für Sprache erhöht, die eigenen Texte werden überarbeitet um beispielsweise Redundanzen und abgegriffene Wendungen zu vermeiden.
Besseres Textverständnis
Das eigene Gestalten eröffnet eine neue Sicht auf die zu untersuchenden Gestaltungsmittel der Texte im Deutschunterricht. So führt man sich z.B. bei der Wahl der besten Perspektive für die Geschichte, die man schreiben möchte, die Möglichkeiten deutlich vor Augen. Textsorten sind in Zusammenhang zu bringen mit ihren stilistischen und strukturellen Aspekten. Je nachdem, ob man einen Brief, eine Tagebuchnotiz, ein Gedicht, eine Kurzgeschichte, eine Szene, einen Monolog oder Dialog verfasst, wird man unterschiedliche sprachliche Mittel verwenden. Dies geschieht zunächst häufig unbewusst bzw. spontan, doch werden Unstimmigkeiten sensibel erfasst. Die Erfahrung vieler Schriftsteller, dass für eine fertige Seite mindestens zehn verworfene im Papierkorb liegen, kann hier nachvollzogen werden.
Hinführung zur Aufgabenform des "Gestaltenden Erschließens"
Dies beinhaltet die Arbeit an literarischen und pragmatischen Texten, die anknüpfen an den Unterricht der Grund- und Leistungskurse. Texte können umgeschrieben und verfremdet oder in heutige Sprache übersetzt werden; ein fiktiver Briefwechsel mit einer literarischen Figur ist denkbar wie auch eingeschobene Kapitel oder Szenen. Angesichts der Anforderungen im Zentralabitur soll künftig auch verstärkt auf das adressatenbezogene Schreiben eingegangen werden (Leserbrief, Glosse, Kommentar, Essay etc.). Hierbei werden auch literarische Texte in begriffliche Texte umgewandelt, zu Bildern oder literarischen Texten werden philosophische oder psychologische Essays verfasst.
Der Kurs schließt in der Regel ab mit einer öffentlichen Lesung in der Aula. Es besteht auch die Möglichkeit, die Texte im "Diskurs" (Zeitschrift für das Berlin-Kolleg) zu veröffentlichen.
Beispiele aus dem Spektrum der Schreibübungen:
Vom Beschreiben zum Erzählen (Experimentierendes Schreibtraining): 3 Vorschläge
(Anregungen aus: Ursula Krechel, In Zukunft schreiben. Salzburg/Wien 2003)
Öffne den Kühlschrank und nimm eine Tüte/Flasche Milch heraus.
beschreibe sie / beschreibe auch die Kälte des Eisschrankes
erfinde eine Geschichte oder eine Szene zu der Situation (dabei ist offen: wer öffnet den Kühlschrank? Wer will/soll Milch trinken? Was ist wirklich im Kühlschrank? Was löst der Anblick der Milchtüte/-flasche aus? Ist die Person, die den Kühlschrank öffnet, allein oder in Gesellschaft? Ist sie wach oder träumt sie? Wie alt ist sie? Was ist ihr Beruf? Ist sie in der eigenen Wohnung? Welche Erinnerungen verknüpft die Person mit der Milchtüte/-flasche?
etc.)
Beschreibe deinen täglichen Weg zur U-Bahnstation oder zur Busstation:
Beschreibe ihn, als hättest du etwas verloren.
Beschreibe den täglichen Weg, als würdest du ihn zum ersten Mal gehen.
Beschreibe ihn aus der Sicht eines Menschen, der die Stadt erlassen möchte.
Beschreibe deinen täglichen Weg aus der Sicht eines Wohnungssuchenden.
Beschreibe ihn, als hättest du dich gerade verliebt.
Beschreibe das Kind auf dem Foto.
Erfinde eine Geschichte zu dem Foto.
Die folgenden Texte sind jeweils zu einer Bildvorlage entstanden.
Die Aufgabe bestand darin, sich die Gedanken und Gefühle einer Person vorzustellen und zu formulieren.
Text 1: Eine junge Frau steht vor einer Anzeigentafel in der Universität
Gesucht!
Japanischkurs für Anfänger.
Vermiete 2-Zimmer-Wohnung nahe S-Bhf. Bornholmerstraße.
Gebe Kaninchenbabies ab.
Suche Arbeit jeglicher Art.
Theatervorstellung.
Aktion gegen Drogen.
WG gesucht.
ICH SUCHE DICH!
Biete Nachhilfe in Mathematik.
ICH SUCHE DICH? Wer sucht mich? Bin ich verloren gegangen? Verloren gegangen zwischen Wohnungen, Kaninchenbabies und Arbeit?
ICH SUCHE DICH! Ich such` mich auch! Such` meine Einzigartigkeit. Bin ich einzig oder artig oder beides?
ICH SUCHE DICH! Einfach nur: ICH SUCHE DICH!
Weiter nichts.. nichts weiter..
ICH SUCHE DICH!
(Franziska R.)
Text 2: Fotografie einer bis zum Horizont durch unbewohnte Gegend verlaufenden Straße

Seit zwei Stunden ist mir schon kein Auto mehr entgegengekommen und schon gar keine anderen Menschen.
Ich bin allein. Vor, hinter und unter mir nur das Geräusch des Motors.
So gesehen scheint diese Straße, auf der ich seit zwei Stunden fahre, ein Sinnbild meines eigenen Lebens zu sein.
Grau, ungeliebt, steinig.
Ich habe kein Ziel, nicht jetzt und auch sonst nicht im Leben. Das einzige, das mich vorantreibt, ist das Gefühl, es wäre ein unheimliches Versagen meinerseits, wenn ich anhalten würde. Anhalten und aussteigen.
Was ich mir jetzt wünsche, ist ein Anhalter mitten auf der Straße. Ich müsste ihn mitnehmen, könnte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, es nicht zu tun. Wer weiß denn schon, wann das nächste Auto kommt. Ich müsste anhalten und ihn mitnehmen.
Wohin auch immer.
Wir würden nicht viel reden. Ich bin kein großer Redner. Aber wir würden einander verstehen, auch ohne Worte. Und wir würden alles voneinander wissen, obwohl wir kaum vier Sätze miteinander gesprochen haben. Er würde wissen, wohin ich fahre, ich würde wissen, wie er hierher gekommen ist. Mitten in diese Einöde.
Und vielleicht, vielleicht haben wir sogar das gleiche Ziel, von dessen Existenz wir beide nichts ahnen.
(Iris H.)
Text 3: Fotografie eines Mädchens, das beim Schreiben tief über seine Schiefertafel gebeugt ist. Die alte Schulbank, die Kleidung und Frisur lasen vermuten, dass es sich um eine Aufnahme aus den 40iger Jahren handelt.

Wir sitzen alle stumm auf unseren Plätzen. Keiner kann etwas sagen, auch Frau Bayer, unsere Lehrerin findet keine Worte.
Jetzt sind die Männer in den Uniformen wieder weg...und mit ihnen auch ein paar Mitschüler und einige Lehrer. Sie kamen heute morgen in der 2. Stunde mit einem Lastwagen angefahren, im Gleichschritt kamen sie auf unser Schulgebäude zugelaufen. Sie trugen Waffen und Hakenkreuzbinden am Arm. Sie schrieen, ich habe aber nicht genau verstehen können, was sie sagen wollten.
Irgendwann wurde unsere Klassenzimmertür aufgerissen und sie standen da. Groß, gefährlich und böse. Mein Herz schlug ganz schnell, ich hatte Gänsehaut und mein Mund wurde ganz trocken, aber weinen konnte ich nicht. Der Große, Dicke mit den vielen bunten Knöpfen auf der Brusttasche packte Frau Bayer an den Schultern und wollte wissen, ob
noch Judengesindel in der Schule wäre. Frau Bayer wollte ihn wegschubsen, aber er war stärker. Ich glaube, sie wollte ihm nicht antworten, aber er wurde immer böser. Frau Bayer sagte, dass er sich vor den Kindern nicht so benehmen solle, aber das war ihm egal. Ein
anderer Mann nahm das Klassenbuch und zählte Namen auf: Birnbaum, Hirsch, Salomon, Goldmann und Stern.
Mein Herz schlug noch schneller und mir wurde kalt. Mich hatte er nicht aufgerufen, aber ob das nun gut oder schlecht war, wusste ich nicht.
Ich habe die anderen beobachtet, sie guckten die ganze Zeit aus dem Fenster und sahen, wie viele Kinder und ein paar Erwachsene in den Lastwagen getrieben wurden. Die Männer in den Uniformen schnappten sich die Kinder, deren Namen sie vorgelesen hatten. Ich habe genau gesehen, wie einer Danka an den Haaren gezogen hat, weil sie nicht mitgehen wollte. Sie weinte. Jeder Mann mit Uniform hatte ein Kind gepackt... sie gingen raus. Der dicke Mann sagte zu Frau Bayer, sie solle gar nicht erst auf die Idee kommen, einen der Untermenschen zu verstecken. Was er damit meinte weiß ich nicht. Ohne weitere Worte verließ auch er den Raum. Frau Bayer rutschte in sich zusammen und schluchzte. Ich wollte Fragen stellen, aber das ging nicht. Ich konnte nicht sprechen. Ständig seufzte jemand.
Wo werden die anderen jetzt hingebracht? Warum sollten wir nicht mitfahren? Warum weint Frau Bayer? Warum sagt denn niemand etwas?
Ganz viele Fragen sausten durch meinen Kopf. Frau Bayer sagte, wir sollten jetzt unsere Lieblingstiere malen und dann verließ sie den Raum. Ich lief zum Fenster, aber der Lastwagen war schon weg. Johann sagte, gestern haben diese Männer seine Nachbarn geholt, aber warum, weiß er auch nicht. Einer sagte, das sind die Juden. Die müssen
weg, die sind böse und stehlen.
Ich weiß gar nicht so genau, was Juden sind. Aber Danka ist nicht böse und sie hat auch noch nie gestohlen. Sie ist doch meine Freundin...
(Katja W.)