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Die Erschließung von Werken und Texten der drei literarische Gattungen steht im Zentrum der Arbeit in allen Kursen. Die Eigenarten der literarischen Gattungen lassen sich an Beispielen zeigen. Nehmen wir das Thema
Liebe

Ingeborg Bachmann: Malina
Jahre später ist es mir mit ihm noch einmal so ergangen, in einem Vortragssaal in München. Er stand auf einmal neben mir, ging dann ein paar Schritte vor, zwischen drängelnden Studenten, suchte einen Platz, ging zurück, und ich hörte, vor Aufregung am Ohnmächtigwerden, einen eineinhalbstündigen Vortrag an, "Die Kunst im Zeitalter der Technik", und ich suchte und suchte in dieser zum Stillsitzen und zur Ergriffenheit verurteilten Masse nach Malina. Dass ich mich weder an die Kunst noch an die Technik noch an dieses Zeitalter halten wollte, mich mit keinem der öffentlich abgehandelten Zusammenhänge, Themen, Probleme je beschäftigen würde, wurde mir spätestens an diesem Abend klar, und gewiss war mir, dass ich Malina wollte und dass alles, was ich wissen wollte, von ihm kommen musste. Am Ende klatschte ich mit den andren ausgiebig, zwei Leute aus München führten und dirigierten mich nach hinten aus dem Saal hinaus, einer hielt mich am Arm, einer redete klug auf mich ein, Dritte redeten mich an, und ich sah zu Malina hinüber, der auch zum Ausgang nach hinten wollte, aber langsam, und so konnte ich schneller sein, und ich tat das Unmögliche, ich stieß ihn an, als hätte man mich gegen ihn gestoßen, als fiele ich gegen ihn, und ich fiel ja wirklich auf ihn zu. So konnte er nicht anders, er musste mich bemerken, aber ich bin nicht sicher, dass er mich wirklich gesehen hat, doch damals hörte ich zum ersten Mal seine Stimme, ruhig, korrekt, auf einem Ton: Verzeihung.
Darauf fand ich keine Antwort, denn das hatte noch nie jemand zu mir gesagt, und ich war nicht sicher, ob er mich um Verzeihung bat oder mir verzieh, die Tränen kamen so schnell in meine Augen, dass ich ihm nicht mehr nachsehen konnte, sondern, der anderen wegen, zu Boden schaute, ein Taschentuch aus der Tasche herausholte und flüsternd vorgab, jemand hätte mich getreten. Als ich wieder aufsehen konnte, hatte Malina sich in der Menge verloren.
Aus: Bachmann, Ingeborg: Malina. In: Bachmann, Ingeborg: Werke. Dritter Band. München. Zürich: Piper. 1982. S.18 f.
Hier erzählt ein Ich - wahrscheinlich ein weibliches Ich - rückblickend eine Geschichte, in der Hauptsache eine innere Geschichte, denn es ist äußerlich nicht viel passiert: Ein Mann wird von einer Frau angestoßen und sagt "Verzeihung". Dieser Mann erhält aber durch die Art, wie die Ich-Erzählerin über ihn spricht, eine Bedeutung. Sein Gang wird beobachtet, er wird unter einer Masse von Zuhörern eines Vortrages gesucht. Auch das ist noch nicht viel. Dagegen sind die inneren Vorgänge gewaltiger: Die Ich-Erzählerin ist "vor Aufregung am Ohnmächtigwerden", und ihr wird deutlich, "dass ich Malina wollte und dass alles, was ich wissen wollte, von ihm kommen musste." Das wird nicht erklärt, da werden keine Gründe genannt, das wird so festgestellt und ist doch (wahrscheinlich) für jeden nachvollziehbar. Hier, bei dieser zweiten Begegnung, wiederholt sich etwas ("noch einmal so") und das ist wohl der Augenblick der Leidenschaft.
Die Ich-Erzählung bringt es mit sich, dass wir alles nur aus einer Perspektive sehen, mit den Augen der Erzählerin. Alle Bedeutung ist Bedeutung für sie. Andererseits hat diese Form des Erzählens den Anschein von Wirklichkeit. Die Erzählerin verbürgt sich dadurch, dass sie Erlebtes erzählt, für die Wahrheit.
Hier wird also etwas erzählt, es gibt einen Raum, Figuren, eine Handlung. Der Text ist in Prosa geschrieben. Es handelt sich um einen epischen Text.

Dominicus van der Smissen, Bildnis des Dichters Friedrich von Hagedorn (1708-1754), Hamburger Kunsthalle
Friedrich von Hagedorn (1708-1754)
An eine Schläferin
Erwache, schöne Schläferin,
Falls dieser Kuss nicht zu bestrafen:
Doch wenn ich dir zu zärtlich bin;
Schlaf, oder scheine mir zu schlafen.
Die Unschuld, die nur halb erwacht,
Wann Lieb und Wollust die erregen,
Hat öfters manchen Traum vollbracht,
Den Spröde sich zu wünschen pflegen.
Was du empfindest, ist ein Traum:
Doch kann ein Traum so schön betriegen?
Giebst du der Liebe selbst nicht Raum:
So lass dich dann ihr Bild vergnügen.
Quelle: Friedrich von Hagedorn, Sämmtliche poetische Werke, Leipzig (Reclam) o.J.
Schon der optische Eindruck verrät: Hier liegt ein Gedicht vor. Die Zeilen werden abgebrochen, bevor sie den Blattrand erreicht haben, es liegen also Verse vor. Die letzten Wörter der Verse reimen sich (bestrafen - schlafen). Es gibt Leerzeilen, die den Text strophisch gliedern. Auch hier gibt es ein Ich, das eine Situation und Gedanken und Gefühle darstellt. Aber es erzählt keine Geschichte. Es handelt sich um eine Momentaufnahme, ein Bild (eine schöne schlafende Frau), das ein Begehren provoziert (einen Kuss). Der Schlaf verhindert eine Interaktion. Aber schläft die Frau wirklich oder tut sie nur so? Die Gedanken werden verallgemeinert, der Halbschlaf als ein Zustand möglicher Exzesse angesehen, wo etwas zugelassen wird, was sonst moralischen Einwänden zum Opfer fällt. In der letzten Strophe kommt es dann zu einem fiktiven Dialog. Die Schläferin wird angesprochen. Sie wird aufgefordert, die Situation zu genießen.
Wir haben hier alle Merkmale eines lyrischen Textes: Ein lyrisches Ich spricht seine Gefühle, Wünsche und Gedanken aus in einer Form, die sprachlich hohe Anforderungen stellt (z.B. Reim, Sprachrhythmus). Außerdem soll die Aussage möglichst knapp formuliert werden.
Dieses Gedicht wurde in der Zeit des Barock geschrieben, in der zwischenmenschliche Beziehungen durch strenge Konventionen geregelt waren. Die Lust des lyrischen Ichs besteht darin, Tabus in einer scheinbar unverfänglichen Situation zu durchbrechen.

Goethe: Faust. Eine Tragödie
Straße
Faust. Margarete vorübergehend.
FAUST.
Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,
Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?
MARGARETE.
Bin weder Fräulein, weder schön,
Kann ungeleitet nach Hause gehn.
Sie macht sich los und ab.
FAUST.
Beim Himmel, dieses Kind ist schön!
So etwas hab' ich nie gesehn.
Sie ist so sitt- und tugendreich,
Und etwas schnippisch doch zugleich.
Der Lippe Rot, der Wange Licht,
Die Tage der Welt vergess' ich's nicht!
Wie sie die Augen niederschlägt,
Hat tief sich in mein Herz geprägt;
Wie sie kurz angebunden war,
Das ist nun zum Entzücken gar!
Aus: Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Eine Tragödie. Stuttgart: Reclam. 1986. S.75 (V.2605-2618)
Titelblatt der Erstausgabe von 1808
Hier sprechen zwei Figuren miteinander, die sich vorher noch nie begegnet sind. Ein Mann will in Kontakt mit einer Frau treten und tut es in einer schmeichelhaften Form. Die Frau wird mit Fräulein angeredet. Diese Anrede war im Unterschied zu heute, wo diese Anrede schon wieder veraltet ist, ein Standesvorrecht. Der Mann nimmt sich einerseits zurück ("darf ich wagen"), andererseits bietet er der fremden Frau körperlichen Kontakt (Berührung) an. Sie empfindet das als Affront, weist die Zudringlichkeit zurück.
Hier wird nichts erzählt, wir erfahren nichts über die Umstände, die Gedanken. Wir erfahren nur das, was ausgesprochen wird. Das Gesprochene beinhaltet einen Konflikt. Es handelt sich um einen dramatischen Text.
Obwohl es sich um eine alltägliche Situation handelt, ist eine kunstvolle Form gewählt. Die Rede reimt sich, Hebungen und Senkungen wechseln regelmäßig. Hier überschneiden sich lyrische und dramatische Merkmale.
Im zweiten Teil ist Faust alleine auf der Bühne. Er spricht einen Monolog. Was im Alltag merkwürdig vorkommt, wird auf der Bühne akzeptiert. Faust gibt uns Einblick in seine Gedanken. Er teilt mit, worin der Reiz besteht, den die Frau auf ihn ausübt. Gerade die Abweisung hat sein Begehren geweckt.
Auch in diesem Teil gibt es wieder gebundene Sprache (Reim, Rhythmus).
Diese drei Texte behandeln eine vergleichbare Situation, den Wunsch eines Menschen, mit einem begehrten anderen Menschen in Kontakt zu treten.
Dadurch, dass sie es in verschiedenen literarischen Gattungen tun, setzen sie unterschiedliche Akzente und machen die Besonderheiten der jeweiligen Gattung deutlich.
"Ob ein Werk zur Lyrik, Epik oder Dramatik gehört, wird gewöhnlich nicht zweifelhaft sein. Die Zugehörigkeit ist durch die Form bedingt, in der das Kunstwerk sich darstellt. Wo uns etwas erzählt wird, da handelt es sich um Epik, wo verkleidete Menschen auf einem Schauplatz etwas agieren, um Dramatik, und wo ein Zustand empfunden und vom einem "Ich" ausgesprochen wird, um Lyrik." (Wolfgang Kayser: Das sprachliche Kunstwerk, 19. Auflage. Bern: Francke 1983 (zuerst 1948), S.332)
Entscheidend ist also das "Redekriterium", wie man früher sagte, d.h. die Unterscheidung, dass in der Epik erzählte Figuren und ein Erzähler sprechen, der berichtet, was die Figuren denken, fühlen, tun usw., dass im Drama erfundene Figuren auf einer Bühne miteinander sprechen, dass aber in der Lyrik ein "lyrisches Ich" spricht.
Als Handbuch für die Kollegiatinnen und Kollegiaten hat sich bewährt: Manfred Zimmermann: Literarische Gattungen, Berlin 2006, 8. Auflage, ISBN 3-927055-01-8, Preis: für Kollegiatinnen und Kollegiaten 3,50 ?