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Beispieltext phi-1 Werte und Normen

Otto Dix (1892-1962): Die sieben Todsünden (1933)

 

 

Norbert Hoerster: Vier Positionen der normativen Ethik (1976)

  Angenommen, A möchte sich von seiner Frau scheiden lassen, um seine Sekretärin zu heiraten. B, ein Freund des A, macht ihm deshalb Vorhaltungen; er hält A's Schritt für moralisch falsch. B macht sich also das moralische Urteil zu eigen: "A sollte sich nicht scheiden lassen". Im Zuge der von A geforderten Begründung dieses Urteils könnte B früher oder später (je nach seiner moralischen Grundüberzeugung) etwa die folgenden Sätze ins Treffen führen:

1. "Wenn du dich scheiden lässt, versündigst du dich; nach dem Willen Gottes darf eine gültig geschlossene Ehe zu Lebzeiten der Ehegatten nicht aufgelöst werden"; oder

2. "Du hast Deiner Frau durch die Eheschließung in bindender und feierlicher Form versprochen, zeitlich unbegrenzt eine enge Lebensgemeinschaft mit ihr zu führen. Ein solches Versprechen darf man nicht brechen, nur weil man jemanden kennengelernt hat, den man momentan attraktiver findet"; oder

3. "Das Unglück, das du durch eine Scheidung über deine Frau und deine Kinder brächtest, würde das Glück, das du in deinem Alter noch für dich und deine neue Frau erwarten könntest, weit überwiegen. Man darf sein eigenes Glück nicht auf Kosten anderer verfolgen"; oder

4. "Auf die Dauer gesehen, würdest du dir in deiner Situation mit einer Scheidung und einer Wiederheirat nur schaden. Man sollte nie etwas tun, wodurch man auf lange Sicht die eigenen Interessen verletzt".

Mit diesen alternativen Begründungsversuchen des B für sein moralisches Ausgangsurteil befinden wir uns durchaus noch im Rahmen einer denkbaren moralischen Alltagsdiskussion -wenngleich die Argumente bereits eine Stufe der Allgemeinheit erreicht haben, auf die sicher nicht jede derartige Diskussion führt. Man beachte, dass in jedem der vier Argumente mindestens zwei verschiedene Behauptungen enthalten sind: Zum einen vertritt B jeweils ein bestimmtes moralisches Prinzip ("Wer Gottes Willen zuwiderhandelt, ... Wer ein Versprechen bricht, ... Wer andere unglücklich macht, ... Wer sich selber schadet, der handelt moralisch falsch"). Und zum anderen behauptet B, dass A in seiner konkreten Situation unter dieses moralische Prinzip fällt und daher, wenn er sich scheiden lässt, moralisch falsch handelt.

Dementsprechend bieten sich für A zwei grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten der Erwiderung auf B's Argumente: Er kann bestreiten, dass er tatsächlich unter das entsprechende Prinzip fällt (etwa dass eine Ehescheidung oder zumindest eine Ehescheidung in seiner Situation tatsächlich dem Willen Gottes zuwiderläuft); oder er kann das von B geltend gemachte moralische Prinzip selbst attackieren (etwa indem er behauptet, der Wille Gottes sei für die Bestimmung des moralisch Richtigen nicht der entscheidende Gesichtspunkt). Wenn A den letzteren Weg wählt und wenn B sodann versucht, das von ihm geltend gemachte Moralprinzip A gegenüber mit Argumenten zu verteidigen, dann - so wird man annehmen dürfen - hat der Disput zwischen den beiden eine derartig fundamentale Ebene erreicht, dass er als moralphilosophisch oder ethisch bezeichnet werden kann, und zwar handelt es sich um einen Disput im Bereich der normativen Ethik: es geht um die oberste Norm - oder doch eine der obersten Normen - sittlich richtigen Handelns. Dabei repräsentieren die vier alternativen Argumente des B die vier wichtigsten normativ-ethischen Positionen innerhalb der Moralphilosophie: die Positionen einer religiösen, einer deontologischen, einer utilitaristischen und einer egoistischen Ethik.

(...) Der Streit über das moralische Problem, ob es für A richtig sei, sich scheiden zu lassen, führte A und B in unserem fingierten Beispiel dazu, sich mit normativer Ethik zu beschäftigen. Wir dagegen haben, indem wir in den letzten beiden Abschnitten den möglichen Verlauf dieses Streites analysiert haben, Metaethik getrieben: A und B ging es um das richtige Verhalten des A (und in diesem Zusammenhang um die obersten Prinzipien jedes richtigen Verhaltens); uns ging es darum, in welcher Form und mit welchen Methoden A und B ihr Problem in Angriff nahmen. Gegenstand unserer Überlegungen war also die Sprache der Moral (die Sprache, in der über moralisch richtiges Verhalten geredet wird), die Art der Argumentation, mit deren Hilfe moralische Probleme gelöst werden können. Während die normative Ethik fragt "Was ist letztlich moralisch richtig?", fragt die Metaethik "In welcher Weise lassen sich Urteile über das moralisch Richtige rechtfertigen?"  

 

Hoerster zeigt in seinem Text, dass ethische Probleme Alltagsprobleme sind deren Beantwortung nicht beliebig sein kann, will man auf Vernunft nicht verzichten.

Allerdings sind dann zufriedenstellende Begründungen nicht mehr Sache der Alltagsdiskussion, es bedarf eines "tiefergehenden" Nachdenkens, einer ethischen Reflexion, um unser Handeln zureichend zu begründen. Darüber hinaus kann man dann noch das Begründungsverhalten selber analysieren, dies führt dann zu den Fachbegriffen "normative Ethik" und "Metaethik".

An einem einfachen Beispiel erläutert Hoerster die vier  Begründungsprinzipien, die für die ethische Diskussion wesentlich sind: religiöse, egoistische, utilitaristische (Handeln nach größtem Nutzen), sowie  deontologische (Handeln nach moralischen Pflichten) Ethik. Hoersters Alltagsbeispiel zeigt uns, dass jedes ethische Argument auf eine begrenzte Zahl ethischer Prinzipien zurückgeführt werden kann.