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Beispieltext zu phi-2 Mensch und Gesellschaft
(Anthropologie, Geschichts- und Gesellschaftsphilosophie)

Leonardo da Vinci (1452-1519)
Jean-Paul Sartre: Die Existenz geht der Essenz voraus Der atheistische Existentialismus, für den ich stehe, ist zusammenhängender. Er erklärt, dass, wenn Gott nicht existiert, es mindestens ein Wesen gibt, bei dem die Existenz der Essenz vorausgeht, ein Wesen, das existiert, bevor es durch irgendeinen Begriff definiert werden kann, und dass dieses Wesen der Mensch oder, wie Heidegger sagt, die menschliche Wirklichkeit ist. Was bedeutet hier, dass die Existenz der Essenz vorausgeht? Es bedeutet, dass der Mensch zuerst existiert, sich begegnet, in der Welt auftaucht und sich danach definiert. Wenn der Mensch, so wie ihn der Existentialist begreift, nicht definierbar ist, so darum, weil er anfangs überhaupt nichts ist. Er wird erst in der weiteren Folge sein und er wird so sein, wie er sich geschaffen haben wird. Also gibt es keine menschliche Natur, da es keinen Gott gibt um sie zu entwerfen. Der Mensch ist lediglich so, wie er sich konzipiert hat - ja nicht allein so, sondern wie er sich will und wie er sich nach der Existenz konzipiert, wie er sich will nach diesem Sichschwingen auf die Existenz hin; der Mensch ist nicht anderes als wozu er sich macht. Das ist der erste Grundsatz des Existentialismus. Das ist es auch, was man die Subjektivität nennt und was man uns unter eben diesem Namen zum Vorwurf macht. Aber was wollen wir denn damit sagen, als das der Mensch eine größere Würde hat als der Stein oder der Tisch? Denn wir wollen sagen, dass der Mensch zuerst existiert, das heißt, dass er zuerst ist, was sich in eine Zukunft hinwirft und was sich bewusst ist sich in der Zukunft zu planen. Der Mensch ist zuerst nur ein Entwurf, der sich subjektiv lebt, anstatt nur ein Schaum zu sein oder eine Fäulnis oder ein Blumenkohl; nichts existiert diesem Entwurf vorweg, nichts ist im Himmel, und der Mensch wird zuerst das sein, was er zu sein geplant hat, nicht was er sein wollen wird. Denn was wir gewöhnlich unter Wollen verstehen, ist eine bewußte Entscheidung, die für die meisten unter uns dem nachfolgt, wozu er sich selbst gemacht hat. Ich kann mich einer Partei anschließen wollen, ein Buch schreiben, mich verheiraten, alles das ist nur Kundmachung einer ursprünglicheren, spontaneren Wahl als was man Willen nennt. Aus: Jean-Paul Sartre, Ist der Existentialismus ein Humanismus, Zürich 1979 |
Mit diesem Text wehrt sich Sartre vehement gegen die klassische philosophische - theologische Auffassung, wonach der Mensch stets schon Eigentümer einer bestimmtem menschlichen Natur ist, wenn er auf die Welt kommt, egal, ob er als von Gott geschaffen gesehen wird oder nicht. Der Mensch unterliegt immer derselben Begriffsbestimmung und hat immer dieselben Grundeigenschaften, ob als "Urwaldmensch, Naturmensch oder Bürger" (Kant). Sein Wesen (Essenz) geht somit nach dieser Auffassung immer seiner konkreten Existenz voraus.
Sartre dagegen behauptet, dass der Mensch zuerst existiert, sich begegnet, in der Welt auftaucht und sich danach definiert. Er besitzt demnach keine vor seiner Existenz festgelegte Natur, diese entwickelt er erst im Laufe seines Lebens ("der Mensch ist nichts anderes als wozu er sich macht"). Sartre appelliert an jeden Menschen sich bewusst zu machen: Ich bin für alles, was ich in meinem Leben tue, verantwortlich, d. h. für mein ganzes Leben. Damit trifft Sartre das Lebensgefühl einer ganzen Generation, die sich auf sich selbst zurückgeworfen fühlt und der er abverlangt, sich fortwährend einer Selbstrechtfertigung für ihr Handeln zu unterwerfen. Es ist das Lebensgefühl des sog. Existentialismus.