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   Beispieltext zu phi-2 Mensch und Gesellschaft
(Staatsphilosophie)

 

 

Markus Lüpertz (*1941): Die Philosophin (2001, im Foyer des Berliner Kanzleramtes)

 

Thomas Hobbes: Formen der Macht

 Die Macht eines Menschen besteht, allgemein genommen, in seinen gegenwärtigen Mitteln zur Erlangung eines zukünftigen anscheinenden Guts und ist entweder ursprünglich oder zweckdienlich.

Natürliche Macht ist das Herausragen der körperlichen oder geistigen Fähigkeiten, wie außerordentliche Stärke, Schönheit, Klugheit, Geschicklichkeit, Beredsamkeit, Freigebigkeit und Vornehmheit. Zweckdienlich ist die Macht, die durch natürliche Macht oder durch Zufall erlangt wird und als Mittel oder Instrument zum Erwerb von mehr Macht dient, wie Reichtum, Ansehen, Freunde und das verborgene Wirken Gottes, das man gewöhnlich Glück nennt. Denn die Natur der Macht ist in diesem Falle dem Gerücht ähnlich, das mit  seiner Verbreitung zunimmt, oder der Bewegung schwerer Körper, die desto schneller werden, je weiter sie sich fortbewegen.

Die größte menschliche Macht ist diejenige, welche aus der Macht sehr vieler Menschen zusammengesetzt ist, die durch  Übereinstimmung zu einer einzigen natürlichen oder bürgerlichen Person vereint sind, der die ganze Macht dieser Menschen, die ihrem Willen unterworfen ist, zur Verfügung steht, wie z.B. die Macht eines Staates. Oder die Macht ist dem Willen jedes einzelnen unterworfen, wie die Macht einer Partei oder verschiedener verbündeter Parteien. Deshalb ist es Macht, Diener zu haben, Freunde zu haben ebenfalls, denn sie sind vereinte Kräfte.

Ebenso ist Reichtum, verbunden mit Freigebigkeit, Macht, da er Freunde und Diener erschafft - ohne Freigebigkeit aber nicht, denn in diesem Fall schützt er nicht, sondern setzt uns dem Neid als Beute aus.

Im Ruf von Macht stehen ist Macht, weil dies die Anhängerschaft von Schutzbedürftigen nach sich zieht.

In dem Ruf stehen, von seinem Land geliebt zu werden, Volkstümlichkeit genannt, ist aus demselben Grund Macht.

Ebenso ist jede Eigenschaft Macht, die einem Menschen die Liebe oder die Furcht vieler einbringt, oder der Ruf einer solchen Eigenschaft, da sie ein Mittel ist, die Hilfe und den Dienst vieler zu erlangen.

Glücklicher Erfolg ist Macht, da er zu dem Ruf von Weisheit oder großem Glück führt. Er veranlasst die Menschen, jemanden zu fürchten oder ihm zu vertrauen.

Die Leutseligkeit von Leuten, die schon Macht besitzen, ist ein Zuwachs an Macht, denn sie weckt Liebe.

Im Ruf stehen, in Frieden und Krieg Klugheit in der Führung gezeigt zu haben, ist Macht, denn klugen Leuten vertrauen wir lieber als anderen die Herrschaft über uns an.

Adel ist nicht überall Macht, sondern nur in den Staate, wo er Vorrechte besitzt, denn in solchen Vorrechten besteht seine Macht.

Beredsamkeit ist Macht, denn sie ist anscheinende Klugheit.

Schönheit ist Macht, denn da sie Gutes verspricht, erwirbt man dadurch leicht die Gunst von Frauen und Fremden.

Die Wissenschaften sind eine geringe Macht, da sie nicht auffallen und deshalb nicht von jedermann anerkannt werden. Überhaupt besitzen sie nur wenige Leute, und diese nur von wenigen Gegenständen. Denn ist liegt in der Natur der Wissenschaft, dass sie nur von denjenigen verstanden werden kann, die schon ein gutes Stück in sie eingedrungen sind.

Künste von öffentlichem Nutzen wie Festungsbau und Herstellen von Kriegsmaschinen und anderen Kriegswerkzeugen sind Macht, da sie zur Verteidigung und zum Sieg beitragen. Und obwohl ihre wahre Mutter die Wissenschaft, nämlich die Mathematik, ist, so werden sie doch, da sie durch die Hand des Konstrukteurs ans Licht gebracht werden, für ein Kind seines Geistes gehalten -  wobei die Hebamme wie beim einfachen Volk für die Mutter gilt.

Thomas Hobbes, Leviathan, Neuwied 1966

 

Dies ist ein für den englischen Staatsphilosophen "typischer" Text, in fast mathematischer Präzision. Hobbes  beschäftigt sich hier mit einem Phänomen, das für jegliche Form von Vergesellschaftung (Staatenbildung) von zentraler Bedeutung ist: Macht, besonders wie sie  uns alltäglich  begegnet. Zunächst definiert Hobbes  Macht ziemlich allgemein als die Summe all jener Mittel, die "zur Erlangung eines zukünftigen anscheinenden Guts" geeignet seien. Er beschreibt sodann eine Reihe von Erscheinungsformen alltäglicher Macht, die dem Menschen "natürlich" zukommen, die er allerdings dann "zweckdienlich" zur Vergrößerung seiner Macht einsetzt, bis hin zur Bildung von Staaten.

In diesem Text zeigt sich bereits das gegen Aristoteles gerichtete skeptische Menschenbild von Thomas Hobbes, das dann später in der sog. Wolfsnatur des Menschen seine Zuspitzung erfährt.