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Beispieltext zu phi-3 Erkenntnis und Wahrheit

Darstellung des Unbewussten (Psychologie heute, 2/2002)
Bertrand Russell: Erscheinung und Wirklichkeit Gibt es auf dieser Welt eine Erkenntnis, die so unumstößlich gewiss ist, dass kein vernünftiger Mensch daran zweifeln kann? - Auf den ersten Blick scheint das vielleicht keine schwierige Frage zu sein, aber in Wirklichkeit handelt es sich um eine der schwierigsten, die es gibt. Wenn uns klar geworden ist, welche Hindernisse einer direkten und zuversichtlichen Antwort im Wege stehen, haben wir es in der Philosophie schon ein Stück weit gebracht. Die Philosophie ist nämlich nichts anderes als der Versuch, solche fundamentalen Fragen zu beantworten, und zwar nicht gedankenlos und dogmatisch zu beantworten, wie wir das im Alltag und selbst in der Wissenschaft oft tun, sondern kritisch, nachdem wir untersucht haben, was solche Fragen rätselhaft macht, und nachdem wir die ganze Verworrenheit und Verschwommenheit unserer normalen Vorstellungen erkannt haben. Für gewöhnlich halten wir viele Dinge für sicher und gewiss, an denen bei näherem Zusehen so viele Widersprüche sichtbar werden, dass wir lange nachdenken müssen, bevor wir wissen, was wir glauben dürfen. Es ist nur natürlich, wenn wir auf unserer Suche nach Gewissheit bei den Erlebnissen anfangen, die wir jetzt, in diesem Augenblick haben, und ohne Zweifel lassen sie uns in irgendeinem Sinne etwas erkennen. Aber jede Aussage darüber, was es ist, das uns unsere gegenwärtigen Erlebnisse zu wissen geben, hat gute Chancen, falsch zu sein. Es scheint mir, dass ich jetzt auf einem Stuhl sitze, an einem Tisch von bestimmter Gestalt, auf dem ich beschriebene oder bedruckte Papiere sehe. Wenn ich meinem Kopf drehe, sehe ich vor dem Fenster Gebäude, Wolken und die Sonne. Ich glaube, dass die Sonne etwa 150 Millionen Kilometer von der Erde entfernt ist, dass sie eine heiße Kugel und sehr viel größer als die Erde ist, dass sie dank der Erdumdrehung jeden Morgen aufgeht und noch bis in die ferne Zukunft aufgehen wird. Ich glaube, dass, wenn irgendein anderer normaler Mensch in mein Zimmer kommt, er dieselben Stühle, Tische, Bücher und Papiere sehen wird, die ich auch sehe, und dass der Tisch, den ich sehe, derselbe ist wie der Tisch, dessen Druck gegen meinen aufgestütztem Arm ich spüre. Es lohnt sich kaum, dies alles ausdrücklich zu sagen, außer wenn ich es mit jemandem zu tun habe, der zweifelt, ob ich überhaupt etwas weiß. Und doch kann man es vernünftigerweise bezweifeln, und wir werden lange und gründlich überlegen müssen, bevor wir sicher sein können, dass wir unsere Aussagen in eine einwandfreie Form gebracht haben. Um uns die auftauchenden Schwierigkeiten deutlich zumachen, wollen wir unsere Aufmerksamkeit auf den Tisch richten. Dem Auge erscheint er viereckig, braun und glänzend, dem Tastsinn glatt und kühl und hart; wenn ich auf ihn klopfe, klingt es nach Holz. Jedermann, der den Tisch sieht, befühlt und beklopft, wird meiner Beschreibung zustimmen, so dass es auf den ersten Blick aussieht, als ob es gar keine Schwierigkeiten gäbe. Sie fangen erst an, wenn wir genauer zu sein versuchen: Obwohl ich glaube, dass der Tisch "in Wirklichkeit" überall die gleiche Farbe hat, sehen die Stellen, die das Licht reflektieren, viel heller aus als die übrigen, einige Stellen erscheinen infolge des reflektierten Lichts sogar weiß. Ich weiß, dass andere Stellen das Licht reflektieren werden, wenn ich mich bewege; die scheinbare Verteilung der Farben auf dem Tisch wird sich bei jeder Bewegung, die ich mache, verändern. Es folgt, dass, wenn mehrere Leute den Tisch gleichzeitig betrachten, keine zwei genau dieselbe Farbverteilung sehen werden, weil ihn keine zwei von genau demselben Punkt aus betrachten können, und weil jede Veränderung des Blickpunkts auch eine Verschiebung der reflektierenden Stellen mit sich bringt. Für praktische Zwecke sind diese Unterschiede meist uninteressant, aber für den Maler zum Beispiel bedeuten sie alles: Der Maler muss sich abgewöhnen zu denken, dass an den Dingen die Farben sichtbar sind, die sie nach unserem Hausverstand "wirklich" haben, und er muss sich angewöhnen, sie so zu sehen, wie sie erscheinen. Hier kommen wir auf einen Unterschied, der in der Philosophie eine große Rolle spielt - [...] Diese "wirkliche" Gestalt ist jedoch nicht das, was wir sehen; sie ist etwas, das von uns aus dem Gesehenen erschlossen worden ist. Und was wir sehen, verändert dauernd seine Gestalt, während wir uns durch den Raum bewegen, so dass uns unsere Sinne auch in diesem Falle offenbar nicht die Wahrheit über den Tisch selbst, sondern nur über seine Erscheinung sagen. Ähnliche Schwierigkeiten ergeben sich für den Tastsinn. Zwar haben wir immer eine Empfindung von der Härte des Tisches, und wir fühlen, wie er unserem Druck widersteht. Aber was wir im Einzelnen für eine Empfindung haben, hängt davon ab, wie stark wir den Tisch drücken, und mit welchem Teil unseres Körpers wir das tun; daher können wir nicht annehmen, dass die verschiedenen Empfindungen, die durch verschieden starken Druck in verschiedenen Teilen unseres Körpers hervorgerufen werden, uns unmittelbar eine bestimmte Eigenschaft des Tisches enthüllen; sie sind uns höchstens Zeichen einer Eigenschaft, die vielleicht all diese Empfindungen verursacht, aber nicht selbst in einer von ihnen erscheint. Und dasselbe gilt ohne Zweifel auch für die Geräusche, die wir hervorrufen können, wenn wir auf den Tisch klopfen. Es ist daher einleuchtend, dass der "wirkliche" Tisch - wenn es ihn gibt - nicht der ist, den wir durch unseren Gesichts- oder Tastsinn oder durch das Gehör unmittelbar wahrnehmen. Der wirkliche Tisch - wenn es einen gibt - ist uns überhaupt nicht unmittelbar bekannt, sondern muss etwas sein, das aus dem uns unmittelbar Bekannten erschlossen worden ist. Bertrand Russell: Erscheinung und Wirklichkeit. S.9-13 |
Wiederum eine uns vertraute alltägliche Erfahrung, an die Russell im vorliegenden Text anknüpft: Sind die Dinge, denen wir täglich begegnen tatsächlich so, wie wir sie wahrnehmen? Unser gesunder Menschenverstand bejaht diese Frage. Wo also liegt das Problem? Nur ein Philosoph kann auf die Idee kommen, die Existenz eines vor mir stehenden Tisches anzuzweifeln.
Russell zeigt uns jedoch, dass Zweifel angebracht sind, dass ein "naiv-realistischer" Standpunkt als Erklärung für Erkenntnis nicht ausreicht. Dieser Zweifel wird bereits am Anfang des Textes geweckt, wo er auf die Schwierigkeit der scheinbar leichten Ausgangsfrage hinweist. Er macht sodann deutlich, dass die sinnliche Wahrnehmung alleine uns den Tisch in seiner "wirklichen" Gestalt nicht zeigt, es muss noch etwas hinzukommen. Aber auch dann ist nicht gewährleistet, ob wir den "wirklichen" Tisch jemals erkennen können. Die Begriffe Erscheinung und Wirklichkeit werden eingeführt; soviel wird nach der Lektüre des Textes klar, so "naiv" wie zuvor werden wir die Dinge um uns herum künftig nicht mehr betrachten können