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Beispieltext zu phi-4 Sein und Werden

Symbolische Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes (16. Jahrhundert)
Ernst Cassirer: Wissenschaft, Kunst und Mythos Das wesentliche und unentbehrliche Mittel, das Unbegrenzte zu begrenzen und zu binden, ist die reine Denkfunktion. Sie erst ermöglicht den Übergang vom Werden zum Sein, vom Fluss der Erscheinung in das Reich der reinen Form. So ist alle Gliederung des Mannigfaltigen an die Form des begrifflichen Zusammenfassens und des begrifflichen Trennens gebunden. Ernst Cassirer: Mythischer, ästehtischer und theoretischer Raum. In: Ernst Cassirer: Symbol, Technik, Sprache. Hamburg: Meiner 1995. S.100-102 |
Die Frage nach dem Gleichbleibenden hinter dem Veränderlichen, nach der Ordnung im Chaos, nach dem Sein hinter dem Werden ist eine der ältesten philosophischen Fragen.
Die griechische Philosophie begann - vor Sokrates - mit zwei extremen Positionen: Parmenides war der Auffassung, dass es nur das Sein gibt und kein Werden, Heraklit sagte: "Alles fließt."
Mit der Frage, was das "Sein" ist, beschäftigte sich vor allem die Metaphysik, die "erste Philosophie", wie Aristoteles sie nannte.
Nach Cassirers Auffassung beantworten auch Wissenschaft, Kunst und Mythos diese Frage.
Die Wissenschaft ist zunächst einmal der Ort, wo durch Begriffe und Gesetze die Welt erklärt und beherrschbar gemacht wird.
Die Kunst, die zunächst das Einzelne und Besondere untersucht und darstellt, lehrt uns genauer auf Details zu sehen, die unserer gewöhnlichen Wahrnehmung entgehen. Aber auch dadurch wird etwas Allgemeines sichtbar, das wir intuitiv erkennen.
Der Mythos schließlich wird hier nicht mehr als eine Form des Aberglaubens, des Geschichtenerzählens, des Märchens angesehen, sondern als eine gleichberechtigte Form der Weltdeutung, die durch Personifizierungen bzw. Beseelungen einerseits das deutlich macht, von dem wir uns beherrscht fühlen, das wir andererseits durch den Mythos aber auch beherrschen können.