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  Beispieltext zu phi-4 Sein und Werden

 

Symbolische Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes (16. Jahrhundert)

Ernst Cassirer: Wissenschaft, Kunst und Mythos

Das wesentliche und unentbehrliche Mittel, das Unbegrenzte zu begrenzen und zu binden, ist die reine Denkfunktion. Sie erst ermöglicht den Übergang vom Werden zum Sein, vom Fluss der Erscheinung in das Reich der reinen Form. So ist alle Gliederung des Mannigfaltigen an die Form des begrifflichen Zusammenfassens und des begrifflichen Trennens gebunden.
Nicht nur der theoretische Begriff besitzt die Kraft, das Unbestimmte zur Bestimmung zu bringen, das Chaos zum Kosmos werden zu lassen. Auch die Funktion der künstlerischen Anschauung und Darstellung ist von dieser Grundkraft beherrscht und primär mit ihr erfüllt. Auch in ihr lebt eine eigene Weise der Sonderung, die zugleich Verknüpfung, der Verknüpfung, die zugleich Sonderung ist. Aber beides vollzieht sich hier nicht im Medium des Denkens und im Medium des theoretischen Begriffs, sondern in dem der reinen Gestalt.
Und die gleiche Kraft der schöpferischen Einbildungskraft ist auch dem Mythos eigen, wenngleich sie hier wiederum unter einem anderen Formgesetz steht udn sich gewissermaßen innerhalb einer anderen >Dimension< der Formung bewegt. Denn auch der Mythos besitzt seine eigene Weise, das Chaos zu durchdringen, zu beleben und zu lichten. Er bleibt nicht bei einem Gewirr vereinzelter dämonischer Gewalten stehen, die der Augenblick erstehen lässt und die der Augenblick wieder verschlingt. Er lässt vielmehr diese Kräfte im Wettstreit und Widerstreit einander gegenübertreten und er lässt zuletzt aus eben diesem Widerstreit selbst das Bild einer Einheit erstehen, die alles Sein und Geschehen umfängt und Menschen und Götter in gleicher Weise beherrscht und bindet.

Ernst Cassirer: Mythischer, ästehtischer und theoretischer Raum. In: Ernst Cassirer: Symbol, Technik, Sprache. Hamburg: Meiner 1995. S.100-102

Die Frage nach dem Gleichbleibenden hinter dem Veränderlichen, nach der Ordnung im Chaos, nach dem Sein hinter dem Werden ist eine der ältesten philosophischen Fragen.
Die griechische Philosophie begann - vor Sokrates - mit zwei extremen Positionen: Parmenides war der Auffassung, dass es nur das Sein gibt und kein Werden, Heraklit sagte: "Alles fließt."
Mit der Frage, was das "Sein" ist, beschäftigte sich vor allem die Metaphysik, die "erste Philosophie", wie Aristoteles sie nannte.
Nach Cassirers Auffassung beantworten auch Wissenschaft, Kunst und Mythos diese Frage.
Die Wissenschaft ist zunächst einmal der Ort, wo durch Begriffe und Gesetze die  Welt erklärt und beherrschbar gemacht wird.
Die Kunst, die zunächst das Einzelne und Besondere untersucht und darstellt, lehrt uns genauer auf Details zu sehen, die unserer gewöhnlichen Wahrnehmung entgehen. Aber auch dadurch wird etwas Allgemeines sichtbar, das wir intuitiv erkennen.
Der Mythos schließlich wird hier nicht mehr als eine Form des Aberglaubens, des Geschichtenerzählens, des Märchens angesehen, sondern als eine gleichberechtigte Form der Weltdeutung, die durch Personifizierungen bzw. Beseelungen einerseits das deutlich macht, von dem wir uns beherrscht fühlen, das wir andererseits durch den Mythos aber auch beherrschen können.